Wolfgang Hebold

Die Verheerung Europas *

Ein Tagebuch des Niedergangs
Noch ein Blog? - Ja, noch ein Blog. Denn ein politisch denkender Bürger kann diesem Treiben nicht weiter stillschweigend zusehen. Politiker und Medien strengen sich an, Europa, das an Katastrophen in den vergangenen 100 Jahren nun wahrlich genug erduldet hat, in die nächste zu schicken. Stichworte: Verschuldung, Islamisierung, ethische Verwahrlosung, Verdummung durch Medien und Politik. Die Liste ist lang, sehr lang.
Was aber macht jemand, der weder über die Zeit noch die Mittel verfügt, in diesen Fall rettend einzugreifen? - Er dokumentiert den Niedergang für die Nachwelt. Aus seiner verengten Perspektive und mit beschränkten Mitteln. Aber mit der Freiheit, die diese persönliche Perspektive verleiht.
Sonntag, 18. Juni 2017
Geistig-Moralische Wendehälse

Helmut Kohl ist tot. Und bekanntlich sagt man über Tote nichts schlechtes. Außer über die schlechten Toten. Oder jene, die schon zu lange tot sind.

Also sagen wir über Helmut Kohl erst einmal was gutes: Er hat im November 1989 die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und den Weg zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten durch entschlossenes Handeln geebnet. Daran zweifelt heute wohl kaum einer mehr. Auch nicht daran, dass zu viele Sozialdemokraten anno 1989 die DDR und ihren dümpeligen Sozialismus am liebsten bewahrt haben würden. Das also ist die historische Leistung von Helmut Kohl.

Und welche Leistung kann man darüber hinaus noch benennen? Was hat Kohl geschafft, das ihm einen Platz in der Geschichte einräumen würde? - Herzlich wenig. Die Auflösung des Staatsmonopols bei den Fernsehanstalten vielleicht, das Ende der Ladenöffnungszeiten womöglich. Doch das wars dann auch schon. Das aber ist im Grunde recht wenig, wenn man überlegt, wie großspurig die Maxime der ersten Regierung Kohl im Januar 1983 noch klangen: Es wurde von einer geistig-moralischen Wende geredet.

Was das genau war, wusste wahrscheinlich nicht einmal Kohl. Denn Theorie war nicht sein Ding. Es wäre ihm nicht in den Sinn gekommen, frankfurter Sozialphilosophen für wichtig, gar bedeutsam zu halten. Zeit seines Lebens hat er die selbsternannte westdeutsche links-liberale Elite mit Nicht-Beachtung gestraft. Kohl benutze die Wendung also nicht etwa als Rahmen für ein Programm; er nutzte sie allein als Schlagwort, das 1983 durchaus einem gefühlten Bedürfnis entsprach. Westdeutschland hatte sich von Studentenrevolte und linkem Terror leidlich erholt - doch beide hatten klammheimlich tiefe Wurzeln in den Köpfen geschlagen. Sie, diese Wurzeln, galt es durch eine geistig-moralische Wende zu kappen, auf dass sie sich nicht noch tiefer einkrallen könnten.

An diesem Punkt ist Helmut Kohl auf ganzer Linie gescheitert. Ja, seine Partei, die Christdemokraten, hat im Endeffekt mehr zur Auflösung einer rationalen, politischen Wertegesellschaft beigetragen, als sämtliche links-liberalen Kräfte zusammen. Seine Politik legte die letzten Grundlagen für eine Gesellschaft, in der jeder nur noch sich selber erkennt; eine Gesellschaft ohne im eigentlichen Sinne politisches Credo - denn jenes »es kann nicht sein«, mit dem heute politische Forderungen garniert werden, hat mit Politik wenig, umso mehr aber mit Wunschdenken zu tun.

Kohls Gegenspieler war zugleich auch das Gegenteil dieser unpolitischen Wohlfühlpolitik, die nicht mehr forderte, sondern nur noch bediente und deren fatale Folgen man heute beobachten kann. Bequem wollte Kohl es allen machen und dabei en passant auch noch seine persönlichen Freunde erfreuen. Die Wiedervereinigung, die er politisch in Europa erfasste, als Handeln angesagt war, haben er und seine Partei in den Jahren nach 1989 im Grunde vergeigt. Statt von jedem seinen Teil zu verlangen und das Zusammenwachsen als nationales Projekt zu verstehen, tauschte man Nationalgefühl gegen Geld und ersetzte den Segen einer Nation durch den Geldsegen der Treuhandanstalt.

Eine wirkliche geistig-moralische Wende hätte damals stattfinden können. Sie unterblieb. Im Bann des allen alles Recht machen zu wollen, bequemte man sich von Lohnanpassung zu Lohnanpassung, von Ausgleich zu Ausgleich - doch die Moral blieb die gleiche wie vorher. Es war und ist die Moral der Studentenbewegung - ja, da steht wirklich der Studentenbewegung. Bürgersöhne und -töchter, denen die Eltern am Ende alles verzeihen und denen sie vor allem ständig alles bezahlen. In diesem Sinne sind längere Öffnungszeiten und Rundumbedröhnung mit privaten Fernsehprogrammen genau das Sinnbild der Politik jener Jahre. Die Staatsverschuldung erklomm von da an immer neue, schwindelnde Höhen. Spiele und Brot verhieß die Devise. Die Christdemokraten wurden zu dem, was sie heute endgültig sind: Zu verkappten Sozialdemokraten. Nur eben die Spur langweiliger als jene es immer schon waren.

Mit Helmut Kohl begann der lange Weg in den Staat der Pseudomoral. Also einer Moral, die nichts kostet. Einer Moral, die sich vom Sentimentalitäten leiten lässt, statt politisches Denken zu fordern. »Wir müssen helfen«, heißt es unter Merkel, wenn es irgendwo brennt - über den Sinn der Hilfe macht man sich keine Gedanken. Der Egoismus in Form des Wohlgefühls des Helfenden ist ja befriedigt.

Eine geistig-moralische Wende fand damals nicht statt und sie fand auch später nicht statt. Das Ergebnis ist eine Gemeinschaft, die an ihren Wurzeln verrottet, während sie sich zugleich für die beste der möglichen hält. Diese braucht dringend eine geistig-moralische Wende. Hin zum Politischen einer rationalen Bürgergesellschaft. Weg von ideologisierten Ethikkommissionen. Aber vor allem auch weg von den christdemokratischen Wendehälsen, die sich in ihrer Morallosigkeit bei jedem bedienen und für die Angela Merkel in ihrer ganzen Geistlosigkeit das Symbol ist. In diesem tiefere Sinne ist Angela Merkel immer Helmut Kohls Mädchen geblieben. Die beiden gehörten zusammen. Sie hat das Werk, das er 1983 begonnen hatte, ab 2005 Zug um Zug Realität werden lassen.

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* Der Titel "Die Verheerung Europas" bezieht sich auf die Aufzeichnungen von Wilhelm Muehlon aus den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs. Muehlon gehört zu den großen deutschen Intellektuellen, die heute praktisch vergessen sind. Sein Kriegstagebuch über den Zweiten Weltkrieg zählt zum besten und spannendsten, was über diese zweite europäische Katastrophe geschrieben wurde: Distanziert, zugleich beteiligt und immer mit einem Blick, den man sich für die heutige Zeit wünscht.
© Wolfgang Hebold
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