Wolfgang Hebold

Die Verheerung Europas *

Ein Tagebuch des Niedergangs
Noch ein Blog? - Ja, noch ein Blog. Denn ein politisch denkender Bürger kann diesem Treiben nicht weiter stillschweigend zusehen. Politiker und Medien strengen sich an, Europa, das an Katastrophen in den vergangenen 100 Jahren nun wahrlich genug erduldet hat, in die nächste zu schicken. Stichworte: Verschuldung, Islamisierung, ethische Verwahrlosung, Verdummung durch Medien und Politik. Die Liste ist lang, sehr lang.
Was aber macht jemand, der weder über die Zeit noch die Mittel verfügt, in diesen Fall rettend einzugreifen? - Er dokumentiert den Niedergang für die Nachwelt. Aus seiner verengten Perspektive und mit beschränkten Mitteln. Aber mit der Freiheit, die diese persönliche Perspektive verleiht.
Freitag, 7. Juli 2017
Warum es keinen liberalen Islam geben kann

Vor einigen Jahren erklärte mir ein Bekannter, wie das nationalsozialistische Deutschland den Zweiten Weltkrieg hätte gewinnen können. Man hätte die Russen gut behandeln und für sich gewinnen sollen. Die hätten Stalin ohnehin satt gehabt und hätten ihr Russland liebend gern von den kommunistischen Schergen befreit. Die Wehrmacht hätte bis Wladiwostok durchmarschieren können und die Russen hätten gefeiert. »Ja«, meinte ich, »im Prinzip ist das alles richtig. Nur wären die Nazis dann eben keine Nazis gewesen.«

Die Nazis haben die Russen behandelt, wie sie sie behandelt haben, weil es ihrer ideologischen Grundhaltung entsprach: Als Untermenschen. Ein anderer Umgang passte nicht in ihr Weltbild und deshalb gab es diesen anderen Umgang auch nicht. Und jene, die davon abwichen - und die gab es -, gehörten eben nicht mehr zu den Nazis. Sprich: Es gibt Eigenschaften, die kann man als Wesenszüge einer ideologischen Schule betrachten. Und soviel scheint richtig zu sein: Nationalsozialisten sind nicht liberal. Kommunisten sind nicht liberal. Liberalismus ist keine Eigenschaft von nationalem und internationalem Sozialismus. Und Moslems? Sind sie liberal? Kann Liberalismus eine Eigenschaft des mohammedanischen Glaubens sein oder werden?

Liberal sein heißt, den anderen als Andersdenkenden wahr und ernst nehmen zu können. Es heißt auch, im Grunde anzunehmen, der andere könne mit seinen Ideen eben doch richtig liegen. Es heißt vor allem, bescheiden zu sein und das eigene Urteil als möglicherweise fehlerhaft zu bewerten. Nichts davon kann ein Gläubiger von sich behaupten. Der Glaube lebt von der Unfehlbarkeit des eigenen Standpunkts. Auch der politische Glaube. Oder besser: Wer, wie Nationalsozialisten und Kommunisten, seine eigene Unfehlbarkeit annimmt, bewegt sich nicht mehr in Sphäre politischen Denkens, sondern eben des Glaubens. Argumente zählen nicht mehr; Diskussionen werden nur noch dem Schein nach geführt. Man weiß ja um die absolute Korrektheit der eigenen Meinung.

Und doch gibt es jene, die sich selbst als Kommunisten bezeichnen und trotzdem den politischen Gegner im Falle der eigenen Machtergreifung nicht umgehend in ein kommunistisches Vernichtungslager einsperren würden. Es gab Nationalsozialisten, die hatten nichts mit den Massenmorden der Nazis zu tun und lehnten sie ab, sofern sie davon erfuhren. Und ja, es gibt Moslems, die verabscheuen den Terror, mit dem ihre Glaubensbrüder die Welt seit den ersten Tagen dieses Glaubens überziehen. Sie verabscheuen das Händeabhacken und Hinrichten von Ehebrecherinnen und Schwulen. Ungläubige sind für sie Menschen wie sie selber und keine Untermenschen, die man bei Gelegenheit umbringen darf.

Nur: Handelt es sich bei diesen selbsterklärt liberalen Gläubigen wirklich noch immer um Kommunisten, um Nationalsozialisten, um Anhänger Mohammeds? Kann es sich um solche handeln? - Wohl kaum. Oder besser: In Abstufungen. Je weltlicher eine Theorie ist, umso eher wird sie liberal. Ein Kommunist, der seine Theorie zuerst als ökonomisch versteht, kann also durchaus eine liberale Haltung bewahren. Nur entsagt er dann dem hohen moralischen Anspruch, der mit den meisten linken Theorien einhergeht. Kommunist im emphatischen Sinne ist er ganz sicher nicht mehr. Wahrscheinlich stünde er auf der Abschussliste, wenn die Partei sich das nächste Mal säubert.

Mit dem Nationalsozialismus ist das schon schwerer, sofern er auf der Idee einer überlegenen Rasse basiert. Wie der emphatische Kommunismus hat er eine metaphysische Basis: Die Rasse. Und ohne diesen Rassebegriff bleibt nicht mehr viel übrig. Das ist es, was viele als intellektuelle Leere nationalsozialistischer Theorien empfinden. Ohne den Glauben an Volk und Führer bleibt eben nichts, wird der ganze Kult um den Führer zur unverständlichen Lachnummer aus den Zeiten von Schwarz-Weiß-Film und Luftschiff.

Und der moslemische Glaube? - Bevor hier eine Antwort möglich wird, sollte man den christlichen oder jüdischen Glauben betrachten. Denn scheinbar kann man Christ sein, ohne gleich vor dem Papst auf die Knie zu gehen oder eine der vielen Monstranzen vergöttern zu müssen. Aber ist man dann wirklich noch christlich? Hat man sich nicht viel eher ein privates Christentum aus Versatzstücken zusammengebastelt? Eine Art Modellbau mit Teilen aus Neuem und Altem Testament. - Aber natürlich. Man darf vermuten, dass die Mehrzahl jener, die zum letzten Kirchentag reisten, nicht mehr im eigentlichen Sinne Christen genannt werden können. Sie würden erschrecken, würde man ihnen das Leben nach den Regeln der Bibel empfehlen; und das gilt nicht nur für die Besucher. Sie sind keine Christen; sie sind nur mit einigen ihnen passenden Ideen aus der Bibel beschäftigt.

Ein Glaube wird niemals liberal werden können. Er lebt von seiner Setzung ins Absolute. Jene, die sich als liberale Kommunisten, Nationalsozialisten oder Christen verstehen, sind im Grunde nur noch liberal und hängen dem alten Glauben nur wie einer Erinnerung an. Er wurde zur Tradition.

Und doch bleibt auf diesem Weg einiges vom Inhalt des alten Glaubens bewahrt. Das können Plattheiten sein; nicht selten sind es Traditionen; aber meistens sind es gerade die anspruchsvollen Aspekte, die einem Glauben das Weiterleben erlauben. Hier die ökonomische Theorie von Karl Marx, dort die philosophischen Passagen der Bibel. Sie sind es, die einen Ismus vor dem Sterben bewahren. Die einstmals geistige Tiefe wurde durch die intellektuelle Tiefe ersetzt. »Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott.« Ein solcher Satz lässt sich auch heute noch denken. Warum? - Weil der Gedanke denkwürdig ist.

Was also bleibt von jenen Glaubens- und Gedankengebäuden, wenn sie liberal sind? - Eine gewisse Tiefe im Denken. Und genau damit haben Kommunismus, Nationalsozialismus und Islam ein ernstes Problem. Sie fehlt ihnen nämlich in Abstufungen bis hinunter zur Gänze. Und somit liegt der zentrale Unterschied zwischen Christentum und Islam offen zutage. Der Islam ist in seinem Kern - und das heißt mit seinem Koran - intellektuell gesehen ein Sammelsurium von äußerst dürftigen Zeilen. Bis heute wurde mir nicht eine Sure gezeigt, die es mit dem zitierten Satz an Tiefe aufnehmen kann. Und so nimmt es nicht Wunder, dass es eine wirkliche originär islamische philosophische Schule nicht gibt. Moslems haben überlieferte Texte bewahrt - falls sie sie nicht vorher verbrannten. Aber es gibt kein philosophisches Werk von Rang, dass islamisch genannt werden könnte, vergleichbar den »Bekenntnissen« von Augustinus, der »Summa Theologica« Thomas von Aquins oder dem »Der Begriff Angst« eines Kierkegaard. Man kann getrost sagen: Der Islam ist eine Religion ohne intellektuellen Anspruch: Keine bedeutende Literatur, keine bedeutende Musik, und die Moscheen sind mit ihren Mosaiken und Kronleuchtern lächerlich kitschig.

Die islamischen Länder bestätigen das. So gut wie keine Nobelpreise, praktisch keine Wissenschaft und nur wenige Bücher. Ja, es gibt nur ein einziges Buch. Und dieses Buch prahlt mit Belanglosigkeiten. Von hier aus gedacht, wundert die Bildungsferne vieler Muselmanen keine Sekunde. Der Islam ist eine Ideologie für im Denken Verarmte. Und das gelegentlich als Kopfwindel bezeichnete Kopftuch steht dafür in vielfacher Hinsicht Symbol.

Nein, es gibt keinen liberalen Islam. Denn der Islam hat nichts zum Denken zu bieten. Man kann sich mit seiner Geschichte befassen; man kann über die Wortbedeutung koranischer Zeilen lang diskutieren. Aber Nachdenken über tatsächliche oder auch nur angenommen sinnvolle Thesen macht keinen Sinn. Und sie findet daher auch nicht statt. Es gibt sie einfach nicht. Mich haben beim Lesen der Suren daher nicht die Gewaltphantasien empört - die findet man auch in der Bibel. Mich hat immer die Langeweile geplagt. Die Öde der Texte. Und es empört mich daher als Liberalen, wie Zeitgenossen sich mit diesem leeren Stroh ernsthaft beschäftigen können.

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Sonntag, 18. Juni 2017
Geistig-Moralische Wendehälse

Helmut Kohl ist tot. Und bekanntlich sagt man über Tote nichts schlechtes. Außer über die schlechten Toten. Oder jene, die schon zu lange tot sind.

Also sagen wir über Helmut Kohl erst einmal was gutes: Er hat im November 1989 die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und den Weg zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten durch entschlossenes Handeln geebnet. Daran zweifelt heute wohl kaum einer mehr. Auch nicht daran, dass zu viele Sozialdemokraten anno 1989 die DDR und ihren dümpeligen Sozialismus am liebsten bewahrt haben würden. Das also ist die historische Leistung von Helmut Kohl.

Und welche Leistung kann man darüber hinaus noch benennen? Was hat Kohl geschafft, das ihm einen Platz in der Geschichte einräumen würde? - Herzlich wenig. Die Auflösung des Staatsmonopols bei den Fernsehanstalten vielleicht, das Ende der Ladenöffnungszeiten womöglich. Doch das wars dann auch schon. Das aber ist im Grunde recht wenig, wenn man überlegt, wie großspurig die Maxime der ersten Regierung Kohl im Januar 1983 noch klangen: Es wurde von einer geistig-moralischen Wende geredet.

Was das genau war, wusste wahrscheinlich nicht einmal Kohl. Denn Theorie war nicht sein Ding. Es wäre ihm nicht in den Sinn gekommen, frankfurter Sozialphilosophen für wichtig, gar bedeutsam zu halten. Zeit seines Lebens hat er die selbsternannte westdeutsche links-liberale Elite mit Nicht-Beachtung gestraft. Kohl benutze die Wendung also nicht etwa als Rahmen für ein Programm; er nutzte sie allein als Schlagwort, das 1983 durchaus einem gefühlten Bedürfnis entsprach. Westdeutschland hatte sich von Studentenrevolte und linkem Terror leidlich erholt - doch beide hatten klammheimlich tiefe Wurzeln in den Köpfen geschlagen. Sie, diese Wurzeln, galt es durch eine geistig-moralische Wende zu kappen, auf dass sie sich nicht noch tiefer einkrallen könnten.

An diesem Punkt ist Helmut Kohl auf ganzer Linie gescheitert. Ja, seine Partei, die Christdemokraten, hat im Endeffekt mehr zur Auflösung einer rationalen, politischen Wertegesellschaft beigetragen, als sämtliche links-liberalen Kräfte zusammen. Seine Politik legte die letzten Grundlagen für eine Gesellschaft, in der jeder nur noch sich selber erkennt; eine Gesellschaft ohne im eigentlichen Sinne politisches Credo - denn jenes »es kann nicht sein«, mit dem heute politische Forderungen garniert werden, hat mit Politik wenig, umso mehr aber mit Wunschdenken zu tun.

Kohls Gegenspieler war zugleich auch das Gegenteil dieser unpolitischen Wohlfühlpolitik, die nicht mehr forderte, sondern nur noch bediente und deren fatale Folgen man heute beobachten kann. Bequem wollte Kohl es allen machen und dabei en passant auch noch seine persönlichen Freunde erfreuen. Die Wiedervereinigung, die er politisch in Europa erfasste, als Handeln angesagt war, haben er und seine Partei in den Jahren nach 1989 im Grunde vergeigt. Statt von jedem seinen Teil zu verlangen und das Zusammenwachsen als nationales Projekt zu verstehen, tauschte man Nationalgefühl gegen Geld und ersetzte den Segen einer Nation durch den Geldsegen der Treuhandanstalt.

Eine wirkliche geistig-moralische Wende hätte damals stattfinden können. Sie unterblieb. Im Bann des allen alles Recht machen zu wollen, bequemte man sich von Lohnanpassung zu Lohnanpassung, von Ausgleich zu Ausgleich - doch die Moral blieb die gleiche wie vorher. Es war und ist die Moral der Studentenbewegung - ja, da steht wirklich der Studentenbewegung. Bürgersöhne und -töchter, denen die Eltern am Ende alles verzeihen und denen sie vor allem ständig alles bezahlen. In diesem Sinne sind längere Öffnungszeiten und Rundumbedröhnung mit privaten Fernsehprogrammen genau das Sinnbild der Politik jener Jahre. Die Staatsverschuldung erklomm von da an immer neue, schwindelnde Höhen. Spiele und Brot verhieß die Devise. Die Christdemokraten wurden zu dem, was sie heute endgültig sind: Zu verkappten Sozialdemokraten. Nur eben die Spur langweiliger als jene es immer schon waren.

Mit Helmut Kohl begann der lange Weg in den Staat der Pseudomoral. Also einer Moral, die nichts kostet. Einer Moral, die sich vom Sentimentalitäten leiten lässt, statt politisches Denken zu fordern. »Wir müssen helfen«, heißt es unter Merkel, wenn es irgendwo brennt - über den Sinn der Hilfe macht man sich keine Gedanken. Der Egoismus in Form des Wohlgefühls des Helfenden ist ja befriedigt.

Eine geistig-moralische Wende fand damals nicht statt und sie fand auch später nicht statt. Das Ergebnis ist eine Gemeinschaft, die an ihren Wurzeln verrottet, während sie sich zugleich für die beste der möglichen hält. Diese braucht dringend eine geistig-moralische Wende. Hin zum Politischen einer rationalen Bürgergesellschaft. Weg von ideologisierten Ethikkommissionen. Aber vor allem auch weg von den christdemokratischen Wendehälsen, die sich in ihrer Morallosigkeit bei jedem bedienen und für die Angela Merkel in ihrer ganzen Geistlosigkeit das Symbol ist. In diesem tiefere Sinne ist Angela Merkel immer Helmut Kohls Mädchen geblieben. Die beiden gehörten zusammen. Sie hat das Werk, das er 1983 begonnen hatte, ab 2005 Zug um Zug Realität werden lassen.

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Mai Top
* Der Titel "Die Verheerung Europas" bezieht sich auf die Aufzeichnungen von Wilhelm Muehlon aus den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs. Muehlon gehört zu den großen deutschen Intellektuellen, die heute praktisch vergessen sind. Sein Kriegstagebuch über den Zweiten Weltkrieg zählt zum besten und spannendsten, was über diese zweite europäische Katastrophe geschrieben wurde: Distanziert, zugleich beteiligt und immer mit einem Blick, den man sich für die heutige Zeit wünscht.
© Wolfgang Hebold
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