Wolfgang Hebold

Die Verheerung Europas *

Ein Tagebuch des Niedergangs
Noch ein Blog? - Ja, noch ein Blog. Denn ein politisch denkender Bürger kann diesem Treiben nicht weiter stillschweigend zusehen. Politiker und Medien strengen sich an, Europa, das an Katastrophen in den vergangenen 100 Jahren nun wahrlich genug erduldet hat, in die nächste zu schicken. Stichworte: Verschuldung, Islamisierung, ethische Verwahrlosung, Verdummung durch Medien und Politik. Die Liste ist lang, sehr lang.
Was aber macht jemand, der weder über die Zeit noch die Mittel verfügt, in diesen Fall rettend einzugreifen? - Er dokumentiert den Niedergang für die Nachwelt. Aus seiner verengten Perspektive und mit beschränkten Mitteln. Aber mit der Freiheit, die diese persönliche Perspektive verleiht.
2017
Mittwoch, 14. Februar 2018
Die Opfer von Dresden verheizen

Gestern war der Jahrestag des Luftangriffs auf Dresden. Wieder einmal. So wie seit 73 Jahren. Also seit jener Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945, in der die britische Royal Air Force die Stadt an der Elbe in Schutt und Asche legte. Schon in den Tagen nach dem Angriff, als die ersten Details an die Öffentlichkeit drangen, wurde der Angriff zu einem Politikum. Goebbels nutzte ihn zu Propagandazwecken, indem die Deutschen bei der Stange zu halten. In England setzte Kritik ein, die damit endete, dass dem Bomber Command und seinen Soldaten eine spezielle Auszeichnung für ihren Mut und ihre Tapferkeit verwehrt blieb.

Das Gedenken an die Opfer hat also eine lange Geschichte. Sie ist im wesentlichen geprägt von einer Instrumentalisierung der Opfer. Mal wurden sie von rechts zu Opfern bestialischer Westalliierter buchstäblich gebrandmarkt; dann stilisierte man sie zu Opfern »des Krieges«; als wäre es nicht um diesen Krieg gegangen, sondern um den jeweiligen, den man gerade meinte: gestern Vietnam, heute Syrien. Wieder andere feierten den Angriff als gerechte Strafe an Frauen und Kindern. So oder: Es ging nie um die Menschen, die in den Kellern verbrannten oder erstickten.

Und so auch gestern nicht. Mit einer Menschenkette gedachte man um 21.45 jener Winternacht im Februar 1945. Eine Menschenkette um die ehemalige Altstadt. Diese Ästhetisierung der Masse hätte Goebbels sicher gefallen. Welche Botschaft in einer Menschenkette um ein nicht mehr vorhandenes Stadtgebiet liegt, lässt sich schwerlich beschreiben. Will man das Entkommen der Opfer gleichsam symbolisch verhindern? Sie, die damals vor allem dann dem Tode geweiht waren, wenn sie ihre Keller nicht verließen. Das wäre eine elende Symbolik. Aber wahrscheinlich hat sich keiner etwas dabei gedacht. Eine Menschenkette ist in Deutschland schon an sich etwas gutes.

Und natürlich hat man gestern auch die aktuelle Politik einbezogen. Man warnt wieder einmal vor Krieg, erinnert aber ausdrücklich an die Ideologie, die den Krieg erst möglich gemacht hat und die heute wieder von neuem entsteht. Das war von den Veranstaltern der Menschenkette nicht auf ihren Massenaufmarsch gemünzt, der sich nahtlos einreiht in die faschistischen Massenaufmärsche. Es war an die Demonstranten der Alternative für Deutschland gerichtet.

Diesen Demonstranten hätte man das Gedenken an die Opfer am liebsten verweigert. Welch perfide Idee. Man verbietet anderen Deutschen der Opfer von Dresden zu gedenken. Hier hat die Erinnerungskultur ihren wahren Kern und zugleich den Gipfel ihrer moralischen Perversionen erreicht. Erinnerung ist zum Kult degeneriert. Und wie jeder Kult braucht es etwas, das es gilt auszutreiben. Das Gedenken an die Opfer von Dresden ist endgültig zum Ritual einer entarteten Kultur des Erinnerns verkommen.

Ein Erinnern an jene Nacht ist in diesem öffentlichen Rahmen nicht möglich. Nicht, solange man mit den Opfern etwas aussagen will. Mit diesen Aussagen werden die Opfer nur noch einmal wehrlos buchstäblich verheizt.

Doch wie will man der Stunden gedenken: Dem ersten Heulen der Sirenen, das von den meisten nicht ernst genommen wurde; dem Flackern der Leuchtfeuer, die die Todeszone markierten; den ersten Bombeneinschlägen. Das wurde alles vielfach und mit allerlei literarischer Kunstfertigkeit beschrieben, angefangen mit jener berühmten Bemerkung Gerhard Hauptmanns: »Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens.«

Und doch wurde das alles schon am nächsten Tagen Geschichte, von der nur die Stille in den Ruinen noch künden konnte. Dresden im Winter 1946. Die Trümmer standen noch, soweit Trümmer denn stehen. Man nahm Abschied von der Stadt. Sie war vergangen. Vielleicht wäre ein getreuer Wiederaufbau wie in Warschau ein wahres Erinnern gewesen. Es kam nicht zustande. Dresden wurde nicht wieder errichtet wie Warschau. Es fand sich kein Stolz, der die Opfer dem Vergessen entrisse.

Und heute spendet Deutschland sein Geld lieber jenen, die man für Geflüchtete hält.

Man will gar nicht an die eigenen Opfer erinnern. Man will sie benutzen. Man will das eigene Weltbild erhalten, in dem ein wahres Erinnern bloß störte. Ein Erinnern, das mit den Opfern jener Nacht ein Band binden würde, das sie als Brüder und Schwestern und Opfer des gleichen Landes erkennte.

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Samstag, 27. Januar 2018
Ein konservatives Manifest - Was soll das sein?

Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Konservatismus. An jeder Ecke verteilt jeder Denker, der was auf sich hält, Anleitungen zum Glücklich-Sein mit Hilfe von »guten alten Regeln«, »Traditionen«, »ewigen Werten«. Ja, in einer aktuellen Streitschrift werden sogar Zehn Gebote geboten. Als wäre Konservatismus eine Sache der Willensentscheidung. »Wie 68, nur andersrum«, tönt es prägnant über den Marktplatz der Ideen.

Und richtig: 68 scheint ideologisch am Ende zu sein. Die Grünen haben ihren Zenit längst überschritten, die Bildungsreformen sind lange gescheitert und die von Linken und Linksliberalen beherrschten Medien suchen verzweifelt nach Zuschauern, Lesern und Hörern. Wäre nicht die Gebühreneinzugszentrale… Aber das ist ein anderes Thema.

Das Thema ist der Konservatismus; oder soll ich lieber sagen: Der sogenannte Konservatismus? Denn scheinbar verstehen viele unter »konservativ« sehr verschiedene Dinge. Sogar von einer »Erotik des Konservatismus« kann man schreiben, als wäre »konservativ« ein Aphrodisiakum mit dem Politikverdrossenheit erfolgreich bekämpft werden kann. Dabei stand der Begriff einmal für den Mief, den politischer Spießer verbreiten.

»Konservatismus« kommt von »konservativ« und »konservativ« kommt, das wurde oftmals gesagt, von lateinisch conservare, d.h. konservieren, bewahren. Zu sagen, Konservative glaubten »an immer neue Anfänge aus Geschichte« ist daher falsch. Und mit 68 hat konservativ inhaltlich schon gar nichts zu schaffen. Die Studenten von damals als konservativ zu bezeichnen, ginge völlig an den Ideen von 68 vorbei.

Aber so war das auch nicht gemeint. »Wie 68, nur umgekehrt«, will eigentlich sagen: »Es findet ein Aufbruch statt«. Nur eben in eine andere, entgegengesetzte Richtung. Nicht links, aber doch liberal; nicht rechts, aber bürgerlich; ein bisschen patriotisch, aber nicht national; und auf keinen Fall, vermute ich mal, rechtspopulistisch. »So entsteht ein Manufaktum des Geistes, bei dem gilt: Es gibt sie noch, die guten, alten Dinge.«

Was ist ein Manufaktum des Geistes? - Übersetzt müsste es heißen: Handwerk des Geistes. Doch was ist ein »Handwerk des Geistes«? - Na ja, zumindest klingt es schön geistig; wie ja ohnehin diese Pamphlete sprachlich zunächst alle mal klingen. Allerdings klingt Manufaktum des Geistes nur halb so schön wie der darauf folgende Satz: »Es gibt sie noch, die guten, alten Dinge.«

Die guten, alten Dinge, die gültigen Dinge, die Dinge, die es lohnt, zu konservieren. Die gibt, die soll es geben.

Die Katze ist aus dem Sack. Konservative sehnen sich nach der »guten, alten Zeit«. Als die Kirche noch im Dorf stand, der Lehrer respektiert wurden und der Schutzmann eine Autoritätsperson war. Die will man zurück. Und so geht es durch die Themen, die zählen: Individuum, Familie, Heimat, Nation, Kulturkreis, Tradition, Recht, Ordnung, Eigentum, Wohlfahrt und schließlich Gott. Sie, diese Dinge, wird uns erklärt, sind wieder gültig.

Ach, wenns doch nur so einfach wäre. Per Willensentscheidung schaffen wir uns die heile Welt von gestern zurück oder uns in die heile Welt hinein. Von heute an glauben wir wieder an Gott, Vaterland, Pflichtgefühl und Familie. Und morgen ist vielleicht sogar der Kaiser zurück. Keine Parteien mehr, die mal auf die schnelle Mitglieder ein- und austreten lassen; hinweg eine Kanzlerin, die ihr eigenes Land im Grunde verachtet und nur zum eigenen Fortkommen ausnutzt; geschlossen eine Kirche, die ihre Gotteshäuser in Supermärkte der Armenspeisung verwandelt und am Ende konsequenterweise an Aldi für eine Büchse Linsen verscherbelt.

Doch es ist nicht so einfach. Denn wer den Glauben einmal verliert, der schafft ihn nie und nimmer per Ansage wieder herbei. Schon gar nicht aus Sehnsucht.

Sicher, es gibt eine Sehnsucht nach Werten. Und es ist ebenso treffend, in den eisernen Regelwerken aus Essens- und Mülltrennungsvorschriften, in den Prangerecken für Raucher, im Zelebrieren von kitschiger Willkommenskultur und wohlfeilem Antifaschismus den kitschigen Ersatz für eben jene Werte zu sehen. Aber wer aus diesem Bedürfnis nach Regeln Werte ableiten will, hat die wirkliche Bedeutung von Werten verpeilt. Im Gegenteil: Er zerrt jene höheren Werte in die Sphäre von Verlangen und Befriedigung dieses Verlangens. Er macht aus Werten das Produkt einer psychischen Spannung, die nach Entspannung sucht und diese irgendwie findet.

Ein so begründeter Konservatismus ist dann aber nicht das Gegenteil von 68 - er ist 68. Konservativ sein ist dann nur eine Mode, der man momentan nacheifern möchte, der man für die nächste Zeit folgt. Konservativ aus Lust. Das hätte den Kommunarden von 68 sicher gefallen. Sie vertraten die scheinbar Wahrheit des Individualismus: Mach, was Du willst. Macht kaputt, was Dich kaputt macht. Einer, der sich konservativ nennt, und das Individuum an die erste Stelle seinem konservativen Manifest platziert, liegt exakt auf dieser Linie. Mit anderen Worten: Er macht mit dem Konservatismus das, was man auf keinen Fall machen sollte: Er unterwirft ihn der heutigen Zeit und denkt Konservatismus in Titeln wie: »Die sanft lockende Erotik des Konservatismus«. Dann geht es, wie damals, zuerst um den äußeren Reiz. Man trägt heute eben konservativ.

Aber der Zweireiher ist kein Zeichen von Konservatismus. Er ist nur ein äußeres Zeichen für vertretene Werte. Als Zweireiher ist er dagegen nur eine Mode. Und Werte sind keine Mode. Werte werden von außen gegeben. Wenn wir sie vollkommen selber gestalten sind sie das Produkt unserer Willkür. Es sind unsere Werte. Doch eben das ist nicht der Sinn eines Wertes. Einem Wert wird gefolgt. Ein Wert ist von außen gegeben. Ein Wert wird geglaubt.

Werte fußen im Glauben, d.h. man muss an sie glauben. Und mit dem Glauben ist es wie mit dem Weihnachtsmann. Ein Kind, das hinter dem roten Mantel und dem weißen Bart den eigenen Onkel erkennt, hat den Glauben verloren und kriegt den Weihnachtsmann niemals wieder zurück. Das ist die einfache und traurige Wahrheit. Die Welt ist von nun an die Welt und sonst gar nichts.

Gibt es also keine Rückkehr der Werte? Bleibt uns das Paradies des selbstverständlich Gültigen auf immer verschlossen? Ist der fehlende Glaube das Schicksal einer konsumistischen Welt? - Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass eine konservatives Manifest, das mit dem Individuum anfängt und Gott ans Ende platziert, nicht ist, was es vorgibt zu sein.

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Donnerstag, 18. Januar 2018
Hindenburg, Luxemburg und die Nazis

Der politisch-mediale Komplex hat so seine historischen Lieblingsfeinde. Da ist zuerst einmal der, den man nicht einmal nennen muss. Da sind andere aus der gleichen sozialistischen Partei. Und natürlich sind da die deutschen und preußischen Militärs. Unter letzteren rangiert Paul von Hindenburg ganz weit oben, während Ludendorff heute kaum noch einem bekannt ist.

Dabei wurde Ludendorff während des Ersten Weltkriegs in einem Atemzug genannt mit Hindenburg und hatte bereits früh mit den Nazis paktiert. Ein Putsch ist nach ihm und dem späteren Führer der Deutschen benannt. Dass Ludendorff deshalb in Vergessenheit fiel, darf man bezweifeln. Die Zeit seiner größten Wirkung ist schlicht zu lange her und hatte auch nicht direkt mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten zu tun.

Das ist beim Generalfeldmarschall und späteren Reichspräsidenten Hindenburg anders. Er gilt gerade in linken und liberalen Zirkeln als Symbol der alten preußischen Machteliten, die sich mit den National-Sozialisten arrangierten, weil sie ideologisch gar nicht so weit entfernt von ihnen lagen. Schließlich hatte Hindenburg der NSDAP durch die Ernennung Hitlers zum Kanzler den Weg an die Schalter der Macht geebnet.

Auch deshalb ist Paul von Hindenburg immer wieder das Ziel der ideologisch begründeten Umbenennung von Straßen und Plätzen. Denn da Hindenburg bis in die 1930er Jahre zu den Helden des verlorenen »Großen Krieges« zählte, hatte jeder Ort in Deutschland seine Hindenburgstraße, wahlweise Hindenburgdamm.

Doch diese Aburteilung ist so erbärmlich wie die Herrschaften, die das Urteil verbreiten. Zwar lässt sich über die militärische Größe Hindenburgs trefflich streiten. Ein Genie war er auf dem Schlachtfeld sicherlich nicht; allerdings war seine Ruhe für die deutschen Erfolge in den Jahren 1914 bis 1918 entscheidend; mancher hat sie mit Altersträgheit verwechselt. Nicht streiten lässt sich dagegen über seine Standhaftigkeit, als es galt, Deutschland Terror und Diktatur zu ersparen.

Am 10. Oktober 1931 wird Hitler dem Reichspräsidenten vorgestellt und die beiden reden deutlich länger als ursprünglich geplant. Doch Hindenburg ist, anders als so mancher Deutsche, wenig überzeugt. Nach diesem Gespräch ist angeblich die folgende, legendäre und gern zitierte Bemerkung gefallen: »dieser böhmische Gefreite wolle Reichskanzler werden? Niemals!« So beliebt war die Anmerkung Hindenburgs, dass sie in verschiedenen Varianten eine Art literarisches Eigenleben entwickelte. Aus dem »böhmischen Gefreiten« wurde ein »österreichischer Gefreiter« gemacht; Hindenburg wurde sogar unterstellt, das angedachte Kabinett personell zu besetzen: »Reichskanzler will der werden? Höchstens Postminister.« Und als reichte das nicht, wurde das Erzählte ergänzt: »Dann kann er mich auf den Briefmarken von hinten lecken.«

Als ab dem Frühsommer 1932 die beiden sozialistischen Parteien - NSDAP und KPD - die Mehrheit im Reich tags besaßen, weigerte sich der Reichspräsident Hindenburg weiterhin standhaft, Adolf Hitler zum Kanzler zu machen. Am 13. August 1932 kommt es zu einem erneuten Gespräch. Diesmal resümiert Hindenburg: »Nein. Er könne es vor Gott, seinem Gewissen und dem Vaterlande nicht verantworten, einer Partei die gesamte Regierungsgewalt zu übertragen, noch dazu einer Partei, die einseitig gegen Andersdenkende eingestellt wäre.«

Diese Bemerkung wird nicht ganz so oft wiedergegeben. Sie zeigt Hindenburg als einen in doppelter Hinsicht bemerkenswerten Geist: Einmal ist ihm die Herrschaft durch eine einzige Partei - ein Markenzeichen der beiden sozialistischen Partei NSDAP und KPD - hochgradig suspekt. Zum anderen spricht er sich für die Rechte Andersdenkender aus. Und mit diesem Gedanken bringt man Hindenburg, im Unterschied zu Rosa Luxemburg, üblicherweise nicht in Verbindung. Dabei meinte die Vordenkerin roter Diktatur mit ihrem berühmten Diktum: »Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden« eben nicht die Rechte jener, die Anderes denken. Sie meinte allenfalls die kleinen sozialistischen Abweichungen vom Weg zum Kommunismus. Unsozialistisch Denkende wären unter Luxemburg im GULAG gelandet.

Generalfeldmarschall Hindenburg war ganz sicher im politischen Sinne kein Liberaler. Aber er vertrat einen Geist, dem die Herrschaft über die Andersdenkenden suspekt war. Einen Kanzler, der gegen Andersdenkende einseitig eingestellt war, wollte er nicht ernennen. Als er Ende Januar 1933 Hitler dann doch zum Kanzler ernannte, tat er das nicht aus Überzeugung, sondern weil er kaum anders konnte, denn Deutschland drohte, in Gewalt zu versinken. Und die Alternative eines weiteren Prädialkanzlers scheiterte am Widerstand auch der Sozialdemokraten. Denen war ein gewählter Hitler lieber als ein verfassungswidriger Kanzler von Hindenburgs Gnaden.

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Dienstag, 16. Januar 2018
Die SPD und die Nazis

Es gibt verschiedene Mythen, also Geschichten von früher, die man sich abends bei einem Wein erzählt und mit denen die Sozialdemokraten die Medien gern unterhalten, mit denen sie Stimmung verbreiten. Ein Mythos berichtet vom Widerstand der Sozialdemokraten gegen die Nazis. Der hat, vertraut man den Worten der Genossen, mit dem Auftritt Otto Wels' im Reichstag im März 1933 eine Art Sternstunde des Parlamentarismus erlebt. In jenen Tagen ergriff Hitler legal die Macht und die Sozialdemokraten stimmten als einzige Abgeordnete gegen das sogenannte Ermächtigungsgesetz und wagten es, in einer emotionalen Rede dem Widerstand der Sozialdemokraten Ausdruck zu verleihen. Nach dieser Rede ergriff Hermann Göring das Wort und über dem Reichstag senkte sich der Vorhang der Parteidiktatur im Gewand der National-Sozialisten.

Soweit die Geschichte, wie Sozialdemokraten sie sich erzählen. Fast könnte man meinen, der Reichstag habe nach diesem 23. März nie wieder getagt.

Tatsächlich hat der Reichstag später noch einmal getagt. Und das mit Sozialdemokraten. Es war am 17. Mai 1933 und es ging um ein einziges Thema: Die erste außenpolitische Rede des seit knapp zwei Monaten regierenden Reichskanzlers Hitler. Sicher, das Land stand im Schatten von Machtübernahme und Gleichschaltung. Aber trotzdem hatte sich die Sozialdemokraten entschlossen, »legale Opposition« zu einer »legalen Regierung« zu spielen.

Widerstand war nicht das Ding der Genossen. Man eierte rum. Mal baten sie die vom Ausland aus operierenden Genossen »keine übertriebenen Berichte über die Zustände und die Verfolgung in Deutschland zu veröffentlichen« und besagter Otto Wels erklärte den Rücktritt aus der Sozialistischen-Arbeiter Internationale; dann wieder liebäugelte man mit Widerstand gegen »die Nazis« und Wels selber zog den Rücktritt an eben dem 17. Mai wieder zurück. Sozialdemokraten eben. Sie warteten ab.

Doch an diesem 17. Mai 1933 überstiegen die Sozialdemokraten den Gipfel ihrer schamlosen Abwartehaltung. Sie kamen aus dem Warten heraus. Hitler wollte im Reichstag, soviel wusste man, seine erste außenpolitische Rede halten und die Sozialdemokraten mussten entscheiden, ob sie dabei sitzen oder fernbleiben wollten. Nach einigem Hin und Her entschied sich die Mehrheit der Fraktion für den Verbleib. Vielleicht hofften sie ja, eine eigenen Erklärung abgeben zu können. Vergeblich.

Doch selbst als sie wussten, dass sie nur zustimmen konnten, gingen etwa die Hälfte hin zu dieser Sitzung und stimmten für Hitler. Sie unterstützten die neuen Reichsregierung - die Nazis - bei ihrem Vorhaben, Deutschland wieder kriegstauglich zu machen. Und der besagte Otto Wels verwies ausdrücklich darauf, dass er in in pucto außenpolitische Ziele mit Hitler d'accord ging. Als Göring bat: »Der Reichstag wolle beschließen: Der Deutsche Reichstag als die Vertretung des deutschen Volkes billigt die Erklärung der Reichsregierung und stellt sich in dieser für das Leben der Nation entscheidenden Schicksalsfrage der Gleichberechtigung des deutschen Volkes geschlossen hinter die Reichsregierung.« erhoben die Sozialdemokraten für Hitler die Hand.

Mit den Nazis zusammen stand die Sozialdemokraten auf vor dem Führer. Mit den Nazis zusammen klatschten die Sozialdemokraten Beifall. Mit den Nazis zusammen sangen die Sozialdemokraten das Deutschlandlied. Und so konnte Göring die Sitzung mit den Worten: »Die Welt hat gesehen, dass das deutsche Volk einig ist, wenn es sein Schicksal gilt.«

Diese Herren waren keine vaterlandslosen Gesellen - sie hatten ganz einfach kein Rückgrat.

So wie heute, wenn ihr Außenminister sich Muselmanen anbiedert und dabei seinen Antisemitismus offenbart oder die Sozialdemokraten noch mehr Mitglieder einer faschistischen Ideologie ins Land holen wollen und die Wahrheit über eben diese Ideologie ignorieren.

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2017
* Der Titel "Die Verheerung Europas" bezieht sich auf die Aufzeichnungen von Wilhelm Muehlon aus den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs. Muehlon gehört zu den großen deutschen Intellektuellen, die heute praktisch vergessen sind. Sein Kriegstagebuch über den Zweiten Weltkrieg zählt zum besten und spannendsten, was über diese zweite europäische Katastrophe geschrieben wurde: Distanziert, zugleich beteiligt und immer mit einem Blick, den man sich für die heutige Zeit wünscht.
© Wolfgang Hebold
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