Wolfgang Hebold

Die Verheerung Europas *

Ein Tagebuch des Niedergangs
2019
Donnerstag, 9. Januar 2020
Präsident Trumps Stärke ist seine Flexibilität

Für einige Stunden hielt die Welt den Atem an. Kommt es zum offenen Krieg zwischen den USA und dem Iran, fragte sie sich. Die US-Air Force hatte einen der führenden Militärs der Islamischen Republik auf dem Flughafen von Bagdad durch den Einsatz von Drohnen getötet und der Iran schwor Vergeltung. Doch die Rache der Gotteskrieger fiel, vergleicht man sie mit den Ankündigungen, äußerst gemäßigt aus. So gemäßigt, dass Trump stichelte: »Der Iran hat klein beigegeben.«

Die USA werden auf die Raketenangriffe der Iraner nicht reagieren. Denn sie gehen aus dieser militärischen Runde als Sieger hervor. Sie haben den Hauptverantwortlichen für die vielen Stellvertreterkriege, die der Iran im Nahen Osten seit Jahren führt, getötet und dafür mit Schäden an zwei eher unbedeutenden Stückpunkten bezahlt – ein äußerst günstiger Tausch.

Natürlich hätten die Machthaber in Teheran gerne ihren starken Worten Taten folgen lassen. Aber selbst die eingefleischten Hardliner des Mullahregimes wissen um die militärischen Realitäten. Die USA würden im Kriegsfall von Saudi Arabien mit offenen Armen empfangen und könnten von der Gegenküste des Irans aus in wenigen Minuten wichtige Ziele auf iranischem Territorium erreichen. Einen solchen Krieg können die Mullahs nicht wollen. Sie brauchen einen Krieg, wie er im Irak nach dem Einmarsch der Amerikaner geführt worden ist.

Doch genau diesen Krieg wird Präsident Trump sicher nicht führen. Anders als sein Vorvorgänger setzt er nicht auf den Einsatz der Landmacht. Er hat den Spieß, ohne dass es in Westeuropa registriert worden wäre, herumgedreht. Jetzt steht der Iran im Irak und es droht den Soldaten seiner Milizen das Schicksal, dass sie den USA zugedacht hatten. Was auf der Landkarte als strategischer Sieg erscheint, ist in der Wirklichkeit ein tückisches Schlachtfeld. Der Tod von Generalmajor Suleimani ist der klarste Beweis für diesen Wechsel. Im Iran wäre er sicher gewesen; in Bagdad glaubte er sicher zu sein. Doch der Irak ist für iranische Militärs Kampfzone geworden. Sie werden im Norden und in den sunnitisch dominierten Gebieten das gleiche Schicksal erleiden, wie die US-Amerikaner vor einigen Jahren.

Umgekehrt führen die USA nun im Irak einen Krieg, wie ihn der Iran zuvor im Irak geführt hat. Denn Trump ist, anders als die beiden Bushs, kein Mann der großangelegten und angekündigten Militäroperation. Wahrscheinlich wäre Trump auch nach dem 11.September nicht in Afghanistan eingerückt. Er hätte, einer Empfehlung von Michael Wolffsohn entsprechend, einen reinen Luftkrieg geführt. Die Opfer auf amerikanischer Seite wäre ein Bruchteil gewesen. Putin geht in Syrien vergleichbare Wege. Auch er hält die russischen Opfer äußerst gering. Ein zweites Afghanistan kann sich Russland nicht leisten.

Schwer zu sagen, ob Trump diesen Wechsel der Taktik absichtlich vollzog. Vielleicht lautete seine Prämisse, die Opfer auf amerikanischer Seite zu minimieren und die Taktik ergab sich von selber. Zum Pragmatiker Trump würde das passen. Aber in jedem Fall operiert er im Nahen Osten bisher mit deutlich mehr Erfolg als der jüngere Bush – von Obama will ich gar nicht erst reden. Ja, die Russen sitzen in Syrien fest und die Türken führen gerade auf den Spuren Rommels in Libyen Krieg. Aber sie bewegen sich in einem Terrain voller Treibsand.

Der US-Präsident will Amerika wieder zur alten Stärke verhelfen; das hat er keine Minute vergessen. Aber in seinen Mitteln ist er äußerst flexibel. Den machtlosen europäischen Politikern und ihren Medien erscheint Trump konzeptionslos zu handeln. Doch sie haben vergessen: Überraschung ist die erste Pflicht des Militärs. Deshalb sind sie im Irrtum. Für die im links-liberalen Theoriemilieu gezüchtete Politiker und Journalisten ist eine erfolgreiche Politik ohne Strategie gar nicht denkbar. Doch ein Blick in die Militärgeschichte beweist: Die flexible Kriegsführung ist immer die der Sieger gewesen.

Mittwoch, 8. Januar 2020
Steht die SPD iranischen Antisemiten näher als den USA ?

Der Fraktionschef der SPD im Bundestag hat den USA vorgeworfen, mit der Tötung eines iranischen Topterroristen das Völkerrecht gebrochen zu haben.

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* Der Titel "Die Verheerung Europas" bezieht sich auf die Aufzeichnungen von Wilhelm Muehlon aus den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs. Muehlon gehört zu den großen deutschen Intellektuellen, die heute praktisch vergessen sind. Sein Kriegstagebuch über den Zweiten Weltkrieg zählt zum besten und spannendsten, was über diese zweite europäische Katastrophe geschrieben wurde: Distanziert, zugleich beteiligt und immer mit einem Blick, den man sich für die heutige Zeit wünscht.
© Wolfgang Hebold
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