Wolfgang Hebold

Die Verheerung Europas *

Ein Tagebuch des Niedergangs
2020
Smastag, 17.April 2021
Merkels Zwang zum Test in den Schulen ist inhuman

Der zum Teil bereits umgesetzte, zum Teil angedrohte, zum Teil aber auch erst diskutierte Zwang, die Kinder in der Schule auf Covid testen zu lassen, verstößt nicht nur gegen die im Grundgesetz garantierten Menschenrechte – das tut er auch –, er ist darüber hinaus aber vor allem eines: zutiefst inhuman. Und damit offenbart er den Charakter der Regierenden; er lässt tief in die Seele der Politiker blicken.

Dem Zwang, die Kinder in der Schule testen zu lassen, fehlt jeder Nutzen, ausdrücklich dem Zwang. Ob der Test einen Zweck erfüllt, steht auf einem anderen Blatt und hier nicht zur Debatte. Aber der Zwang, die Kinder in der Schule von Lehrern testen zu lassen, ist zunächst einmal so wenig nötig wie der sprichwörtliche Kropf. Ebenso gut können die Eltern ihre Kinder vor der Schule zu Hause testen und ihnen das Resultat in die Schultasche stecken. Dann weiß die Schule Bescheid.

Doch genau das wollen die Regierenden nicht. Sie erwarten, dass die Kinder von ihren Eltern getrennt in der Klasse den Selbsttest durchführen lassen. Weil sie den Eltern nicht trauen. Sie trauen den Eltern nicht zu, dass sie den Test mit ihren Kindern durchführen, doch noch mehr trauen sie den Eltern zu, dass sie ihre Kinder mit einem positiven Befund zu den anderen Kindern losschicken. Dass hier mal nicht jemand von sich auf andere schließt.

Weil die Politiker den Eltern nicht trauen, installieren sie ein Prozedere, das den einzelnen Lehrer dazu verpflichtet – ja, auch die Lehrer werden zum Testen verpflichtet –, ein gutes Dutzend Kinder dabei zu begleiten, wie sie sich ein Teststäbchen vier Zentimeter tief in eines ihrer Nasenlöcher bohren, ohne sich dabei zu verletzen. Dazu werden die Kinder gezwungen.

Hat sich auch nur eines der Kinder verletzt, wird die ganze Aufmerksamkeit des Lehrers auf dieses Kind konzentriert sein. Was mit den anderen Kindern geschieht, ist einer Politik, die derartige Maßnahmen verhängt, vollkommen egal.

Wenn dann die Kinder auf die Ergebnisse warten, findet mit Sicherheit kein Unterricht statt. Denn die Kinder werden aufgeregt sein. Eine Erkrankung an Covid ist nämlich, so Politiker und Medien tagaus, tagein, nicht eine beliebige Krankheit; es ist eine insbesondere für die Älteren, äußerst bedrohliche Krankheit. Umso bedrohlicher ist sie für Kinder. Nicht als Krankheit. Covid tut bekanntermaßen Kindern weniger als die angekündigte Impfung. Aber als Träger des Virus sind die Kinder ohne Wenn und Aber stigmatisiert. Seltsam, dass dieselben Politiker, die jeden Tag vor der Stigmatisierung anderer warnen, das nicht bemerken.

Kommt dann ein Befund, der positiv ist – niemand redet von Infizierung! –, wird das Kind in Panik versetzt. Keine gespielte, affektierte Panik a la Thunberg. Nein eine richtige Panik. Eine seelische Panik, wie sie jeder erlebt hat, dem ein Arzt eine mögliche Krankheit diagnostiziert hat. Frauen wissen davon, Männer wissen davon, Eltern wissen davon, wenn es ihre Kinder betrifft – nur den Politikern fehlt jede Ahnung von den Ängsten der Kinder. Liegt es daran, weil die oberste Riege Kinder nicht hat, nicht kriegen kann oder anderweitig aufziehen lässt ?

Und just in diesem Moment, wenn die Meldung krankhaft zu sein ein Kind auf den Boden niedergedrückt hat, just in diesem Moment fehlen die tröstenden Eltern. Kein Vater nimmt das Kind auf die Schultern, keine Mutter breitet ihre Arme zum Schutz aus und ganz sicher wird das Kind sich nicht aDf den Schoß des Großvaters setzen oder sich unter die Schürze der Oma verkriechen. Denn sie alle sind weg. Ausgesperrt von Politikern, denen jedes Empfinden für Kinder fehlt.

Schlimmer: Da das Kind den Unterschied zwischen dem positiven Befund eines Tests und dem realen Infekt nicht kennt, egal wie oft der Lehrer ihn ihm erklärt, wird sich das Kind sehr schnell bewusst, dass es eine Gefahr für alle darstellt – auch für die Eltern und insbesondere für die Eltern der Eltern. Und auch dafür fehlt den Politikern und Politikerinnen jedes Empfinden.

Weil ihnen dieses Empfinden fehlt, sind sie bereit, Eltern und ihre Kinder in diesem Moment, wo sie sich mehr denn je brauchen, zu trennen. Eine Geste, die zu den markantesten aller Terrorregime gehörte: Die Kindern werden ihren Eltern entrissen. Auf Bahnhöfen, vor Lagereingängen, an Hinrichtungsstätten hat sich diese grausame Trennung fort und fort wiederholt, ohne je ihr Grauen verloren zu haben.

Politiker, die eine Trennung der Kinder von ihren Eltern in solcher Lage befehlen, haben Pfade betreten, an dessen Ende die Menschlichkeit uns verlässt. Nur wundert das nicht mehr. So sehr haben wir uns an das Inhumane der Corona-Maßnahmen gewöhnt. Denn es waren dieselben Politiker, die auch die Trennung der sterbenden Alten von ihren Nächsten in den letzten Stunden befahlen. Der Zwang zum Test in den Schulen ist nur ein weiterer Schritt in diese Richtung. Er ergreift uns jetzt am beginnenden Leben.

Mittwoch, 7.April 2021
Warum wir das Sterben der Alten nicht sehen

An der Corona-Epidemie ist neben vielem anderen eines besonders seltsam: Dass wir die sterbenden Alten nicht sehen. In einer politisierten Medienlandschaft, die ansonsten keine Gelegenheit auslässt, Opfer zu zeigen, um die Interessen ihrer Lobbygruppen bedienen zu können, fällt das auf. Denn was läge näher, als die Angst der Bürger durch schockierende Fotos aus Intensivstationen zu schüren. Den Feiernden in südtiroler Skihütten zur Abschreckung Bilder der Alten, die auf den Straßen von Wuhan zusammenbrechen und sterben auf ihre SmartPhones zu schicken hätte Wunder gewirkt. Und den Jecken der rheinländischen Karnevalssäle wäre die Lust am Feiern beim Blick in die Kliniken Bergamos, vor deren Türen die Leichen der Alten aufgehäuft werden, wahrscheinlich fürs erste vergangen.

Doch nichts dergleichen geschah oder geschieht. Dabei ist sicher: Würde sich eine Pockenepidemie durch Afrika fressen, würden wir rund um die Uhr mit Fotos und Filmen von leidenden und sterbenden Kindern bedrängt – erinnert sei an die Bilderflut darbender Flüchtlinge, mit denen die Hilfsindustrie sich an die Geldbeutel ihrer Kunden heranmacht.

Als Grund könnten Anhänger von Verschwörungstheorien vermuten, dass es die leidenden und sterben Alten nicht gibt. Eine steile Behauptung und auch eine falsche Behauptung, denn dass die Lage in Wuhan oder in Bergamo dramatisch war, gilt als sicher. Es gab diese Bilder und die Zahl der sterbenden Alten war von Anfang an hoch und ist es bis heute geblieben.

Trotzdem ist Covid eine bilderlose Krankheit geblieben. Covid verharrt in einem medial aseptischen Raum von R-Werten, Inzidenzen und salbadernden Voll- und Scheinvirologen – und das in Zeiten, die vom viralen Video leben. Warum ?

Der Grund dafür, dass wir das Sterben der Alten nicht sehen, ist den Bildermachern, zumindest als Ahnung, bekannt und rein medial ist: Bilder von sterbenden Alten bewegen uns auf ganz andere Art und Weise als Bilder von sterbenden Kindern. Sie können weder Angst noch Panik erzeugen, denn wir wissen, soviel Instinkt ist uns offenbar auch durch alle Moderne hindurch geblieben, das Sterben gehört zum Alter dazu.

Eine sterbende Alte erweckt in uns Trauer, doch Mitleid nur, wenn ihr Sterben selbst uns bewegt. Denn dass sie stirbt, ist unumgänglich. Erst wenn ihre Augen uns beim Sterben bitten, sie sterben zu lassen, ergreift uns ein Schauer. Liegt sie noch dazu unter einem Sauerstoffzelt und geht sie allein gelassen in die Gute Nacht, wird ihr Sterben für uns unerträglich.

Nur, wenn es die eigenen Eltern oder Großeltern sind, reißt der Tod eines Alten eine Lücke ins Leben. Doch es ist eine Lücke, die mit eigenen Erinnerungen und dem weiteren eigenen Leben gefüllt werden kann und uns schließlich erfüllt; ihr Tod erhält für uns einen Sinn.

Nein, Bilder von unter Sauerstoffzelten sterbenden Alten hätten keinem Angst vor der Krankheit gemacht; im schlimmsten Fall für die Mächtigen hätten wir uns gefragt: Wollen wir das ? – Und so wurde weiter in Ischgl und im Rheinland gefeiert. Nicht aus Zynismus. Nicht einmal aus Fahrlässigkeit, denn Covid war und blieb harmlos für Junge.

Als Kanzlerin Merkel zu Weihnachten tränenselig davon sprach, die Hoffnung habe nun Gesicht: Das Gesicht der geimpften Alten. Da hatte sie diesen Instinkt, der offenbar zu uns gehört, vergessen. Denn das Leben einer Frau, die über 100 Jahre alt wurde, noch um ein weiteres Jahr zu verlängern, klingt zu sehr nach Hybris – nach dem Übermut einer Welt, die meint, das Klima steuern und gegen das Sterben impfen zu können. Ich bezweifle, dass die Kanzlerin damit Sympathien gewann.

Im Gegenteil: Im tiefsten Innren spürt wohl jeder im Land, der sich nicht auf die ein oder andere Weise an den Corona-Maßnahmen bereichert, dass beim Umgang mit den Alten etwas nicht stimmt. Wurden die Damen, denen Gott ein biblisches Alter schenkte, jemals gefragt, ob sie für ein weiteres Jahr die Kindheit und Jugend von Millionen Heranwachsenden aufs Spiel setzen wollen ? – Niemand hat sie gefragt. Niemand wollte sie fragen. Denn die ganze Kampagne, das ganze System der Corona-Maßnahmen wäre mit der Antwort in sich zusammengebrochen.

Ich bin sicher, wie die Antwort der meisten Alten ausfallen würde: Sie gingen mit einem Ausdruck tief verletzter Scham in den Tod, wenn sie wüssten, was die Verlängerung ihres Lebens mit ihren Enkeln und Urenkeln macht. Und das macht die Fotos von Politikern, die sich mit geimpften Alten brüsten und feiern lassen, zu einem Dokument der Schamlosigkeit. Denn sie sind es, die den Alten das antun.

Der Film »I, Robot« dreht sich um eine einzige Szene fast gegen Schluss. Will Smith, ein Polizist, dem Roboter aus guten aber bis dahin unbekannten Gründen suspekt sind, erinnert sich an einen Autounfall. Zwei Wagen versinken; er sitzt im einen; ein junges Mädchen im andren. Ein Roboter taucht zu den beiden Wagen hinunter und rettet Will Smith, weil seine Überlebenschancen die größeren sind. Das empört ihn immer wieder von neuem, denn er weiß: Seine Chancen mögen größer gewesen sein, als die des Mädchens: »Aber sie hatte ihr Leben noch vor sich.«

Wir wissen das und deshalb lassen sich Bilder von sterbenden Alten nicht politisch verwenden. Deshalb bekommen wir die sterbenden Alten seit einem Jahr nicht zu Gesicht. Die Alten wissen das auch. Und daher sollten die Kinder und Jugendlichen, wenn sie dereinst fragen, wer ihnen Kindheit und Jugend geraubt hat, sich nicht an den Alten und ihren Idealen und ihren Ideen, ihren Vorlieben und ihren Lieben vergreifen. Sie sollten ihnen verzeihen. Denn sie wussten nicht, was sie tun.

Samstag, 3.April 2021
Klima-Diktatur oder: Die Machtergreifung bei Stromausfall und Waldbränden

Dass eine deutliche Mehrheit der deutschen Politiker die Grundrechte zu Grabe tragen möchte und es auch tut, sofern ihnen Richter keine Steine in den Weg legen können, ist unbestreitbar. Unterschiedslos fordern Mitglieder fast aller Parteien des Bundestags Zwangsimpfungen, Reisebeschränkungen und Ausgangssperren mit einer Selbstverständlichkeit, wie man sie nur aus Diktaturen kennt, also eher vom Hörensagen.

Doch all diese Forderungen werden mit einem doch immer auch guten gemeinten Grund ausgesprochen: Es geht um die Gesundheit der Bürger. Ein Argument, dem, würde es bei Covoid-19 stimmen, so gut wie jeder zustimmen würde. Wäre Covid-19 die Pest, bestünde Einigkeit über den Nutzen des Lockdowns.

Mit diesem Ansatz hat der ehemalige Innenminister Deutschland nun gebrochen. Was eigentlich nur verwirrte Verschwörungstheoretiker zu glauben scheinen, Thomas de Maizière hat in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den Grund geliefert, dass auch Kritiker der Regierung, die sich an dem orientieren, was landläufig Fakten nennt, erkennen können, das seit einem Jahr in Deutschland noch ein ganz anderes Spiel auf dem Plan steht, wenn auch nicht offiziell: Die systematische Abschaffung der verfassungsmäßigen Rechte. Und gleich vorweg: Es ist kein Aprilscherz. Das Gespräch erschien erst am Zweiten.

Die Pandemie, wie wir sie dieser Tage erleben, liefert für den ehemaligen Innenminister nur die Vorlage für ein Schema, nach dem in Zukunft regiert werden soll: Der Ausnahmezustand. Dessen Regelung will der CDU-Politiker neu gestalten und dafür das Grundgesetz ändern. Sein Konzept begründet er mit den Schwächen der gegenwärtigen Entscheidungsverfahren, zu denen er die Ministerpräsidentenkonferenz zählt, die für »Normalfälle« gut sei, aber zu umständlich und zeitaufwändig an Probleme herangeht. Statt dessen brauche man Tempo, Verbindlichkeit und klare Verantwortlichkeiten.

Nach Carl Schmitt ist souverän, wer den Ausnahmezustand erklären kann und zudem definiert. Das scheint auch de Maizière zu wissen und deshalb liefert er auch gleich hinterher, wann denn der Ausnahmezustand erklärt werden sollte. Wer nun Hinweise auf tödliche Krankheiten oder drohende Meteoriteneinschläge erwartet, sieht sich getäuscht.

Nein, den Ausnahmezustand will der ehemaligen Innenminister zum Beispiel ausrufen lassen bei Cyberangriffen. Mit anderen Worten: Wenn Herr Altmaier in all seiner digitalen Inkompetenz irgendwo einen Cyberangriff vermutet und die anderen digitalen Fachleute aus der Regierung von sich überzeugt, dann sind die Grundrechte des Bürgers passe; dann regiert Angela Merkel oder womöglich demnächst Annalena Baerbock einfach durch.

Und de Maizière hat noch mehr auf seiner Liste möglicher Ausnahmesituationen, die ein Aushebeln der Grundrechte zulassen würde: Länderübergreifende Waldbrände. Schwer zu sagen, wann das letzte Mal in Deutschland Waldbrände wüteten, die mehrere Bundesländer erfassten und nicht mehr kontrolliert werden konnten. Ich kann mich an keine erinnern. Oder meint der CDU-Politiker mit länderübergreifend Flammen, die Tschechien und Polen erreichen? – Schwer zu sagen. Aber für den Ausnahmezustand kann man auf diesem Weg ja doch schon einmal sorgen.

Das Beste hat de Maizière aber für den Schluss aufgehoben. Denn auch bei Stromausfällen will der ehemalige Innenminister den Ausnahmezustand ausrufen lassen. Und damit lässt er die Katze aus dem Sack. Stromausfälle sollen den Verlust der Grundrechte des Bürgers begründen. Natürlich könnte man auch hier auf die Seltenheit von Stromausfällen in Deutschland verweisen. Doch wie jeder weiß, drohen Stromausfälle im Zuge der Energiewende praktisch täglich.

Um es deutlich zu sagen: Der ehemalige Innenminister und CDU-Politiker Thomas de Maizière will die negativen Folgen der Energiepolitik seiner Kanzlerin für sich und die Regierenden nutzen, um den Ausnahmezustand ausrufen zu lassen. Und auch in diesem Fall könnte nach Diktatorenmanier durchregiert werden. Die Grünen werden sich freuen und bei Gelegenheit sicher auf diesen Vorschlag zurückkommen wollen. Endlich offenbart sich der politischen Sinn einer teuren, unergiebigen und umweltzerstörenden Technik.

Natürlich gibt sich de Maizière großzügig: »notstandfeste Grundrechte« wie die Meinungsfreiheit sollen nicht angetastet werden. Und natürlich ist der »Verlust von Grundrechten« begrenzt auf den »kurzen Zeitraum«, der nötig ist, der Krise Herr zu werden. Und selbstverständlich sei der Ausnahmezustand demokratisch legitimiert: »Den muss das Parlament beschließen.« Aber!

Wie lang eine Krise dauern kann, erleben wir gerade. Die Zeit, die angeblich begrenzt ist, kann sich durchaus im Interesse der Regierenden dehnen. Fast möchte man glauben, die Unfähigkeit der Regierenden habe System. Der Hinweis ist also bestenfalls ein Feigenblättchen, hinter dem Thomas de Maizière seinen wahren Charakter verbirgt.

Schlimmer ist jedoch das völlige Fehlen für den Sinn des freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats bei dieser Figur, die ja in Ämtern dieses Staates gedient hat. Offenbar hat Thomas de Maizière keinen blassen Schimmer, dass der Rechtsstaat und die Rechte der Bürger und schon gar nicht die Menschenrechte nicht zur Disposition stehen können. Kein Parlament hat das Recht mit welcher Mehrheit auch immer, die Grundrechte zu eliminieren.

Das aber, glaubt ein ehemaliger Innenminister, sei möglich – und verrät seinen Ungeist. Und dass er nicht mehr im Amt ist, tröstet nur wenig. Denn im Kanzleramt und in den meisten Ministerien herrscht genau dieser diktatorische Geist schlimmster Sorte. Machen wir uns nichts vor: Weder der Kaiser noch der Reichspräsident und schon gar nicht ein Westdeutscher Kanzler hätten gewagt, wegen eines Stromausfalls die Rechte der Bürger, und sei es auch nur zeitweise, zu beschränken. Das erleben wir wohl erst in der Klima-Diktator des Gutdeutschen Reichs.

Samstag, 20.März 2021
Der Genderstern oder: Die Mechanisierung des Geschlechts

Wenn es einen Gott der Linguistik gibt – und etwas anderes anzunehmen heißt, die Möglichkeit der Schönheit einer Sprache zu leugnen –, wenn es also einen Gott der Linguistik gibt, dann beweist er in diesen Zeiten Humor. Ja, ich nehme an, er sitzt in seinem Haus des Denkens und amüsiert sich gemeinsam mit dem Gott des Digitalen, der weit unter ihm steht, über die Sprechenden, die nicht erkennen, wie beide sie narren.

Für ihre Narreteien haben sie sich einige besondere Zeichen erdacht. Eines davon zählt zu den großen Ärgernissen, mit denen das Gendermainstreaming die Deutsche Sprache zu verunstalten sucht: Der Genderstern. Immer häufiger ist er in Briefen aus der Verwaltung zu sehen; man könnte fast von einer Art Gewöhnung sprechen; selbst Witze über die holprige Schreibweise gelten als überholt. Es braucht schon die sprachliche Ungelenktheit der Konstruktion Bürger*innenmeister*in, um im Internet mehr als ein Hintergrundrauschen erzeugen zu können oder eine Fernsehansagerin, die vergeblich versucht, den Genderstern mitzusprechen.

Doch in allen Diskussionen und Anfeindungen, die über den Genderstern ausgetauscht wurden, ging ein Aspekt völlig verloren. Und dabei ist dieser – jenseits aller sprachästhetischen Erörterungen – nun wirklich der mit dem größten Aussagewert. Denn er macht deutlich, was sich hier über ein einzelnes Zeichen tatsächlich vollzieht: Die Durchdringung unserer Sprache mit einem Gift, mit einem ganz besonderen Gift, mit dem Gift der Technisierung, ja Mechanisierung unserer Sprache und unser beider Geschlechter.

Auf den Einfluss von Mechanisierung und Technik auf unsere Sprache wurde schon oft hingewiesen; so in der immer noch lesenswerten Studie ›LTI‹ – ›Lingua Tertii Imperii‹, Sprache des Dritten Reiches – von Victor Klemperer. Er beklagt »die Masse der mechanisierenden Wörter« im National-Sozialismus und dokumentiert an Verben wie ›einstellen‹, ›ankurbeln‹ und ›gleichschalten‹ den »Übergriff technischer Wendungen auf nichttechnische Bereiche« und damit das in seinen Augen letztendlich »eindeutige Mechanisieren der Person« – Vorstufe der Erniedrigung des Menschen zum bloßen Objekt und schließlich seiner Vernichtung. In weiser Voraussicht deutet Klemperer an, dass es eine Sprache nicht nur des Dritten, sondern auch eines womöglich drohenden Vierten Reichs geben könnte, denn immer offenbart die Sprache das Wesen einer Gesellschaft – sei es nun die des Dritten Reichs oder anderer Gemeinschaften mit einer gemeinsamen Sprache.

Zu den Ausdrucksmitteln einer Sprache, die etwas über eine Gemeinschaft aussagen können, zählt Klemperer nicht nur die mechanisierten Worte; nein, Satzzeichen besagen ebenfalls etwas. Während des Nationalsozialismus war es aber nicht etwa, wie mancher erwartet, das Ausrufezeichen, sondern das »ironische Anführungszeichen«. Schwer zu sagen, was Klemperer, der am 11. Februar 1960 in Dresden verstarb, über die Jahre nach ihm in Westdeutschland gesagt haben würde. Damals wurden die ironischen Anführungszeichen zum primitiven Stilmittel der ungezählten Pamphlete und Resolutionen einer Studentenbewegung, die meinte, gebildet zu sein.

Die heutige Zeit hat neben einer Vielzahl von typischen Worten ebenfalls typische Zeichen. Der Genderstern ist eines davon. Über seine Syntax erfährt der Leser im Internet, es gehöre zwischen die männliche und die weibliche Endung eines Wortes: Aus Bürger und Bürgerin wird dann Bürger*in, aus Schüler und Schülerin Schüler*in.

Anders als vielfach angenommen, ist mit dem Genderstern keine Gleichstellung beider Geschlechter gemeint; es geht nicht darum, zusätzlich zur männlichen Form Bürger noch das weibliche Bürgerin zu verwenden, um damit auf lexikalischer Ebene eine Art Gleichheit zu schaffen. Nein, der Genderstern bezeichnet sämtliche Geschlechter im Gebiet zwischen Bürger und Bürgerin, zwischen männlich und weiblich. Ob es diese Übergänge tatsächlich gibt, tut hier nichts zur Sache.

Damit ist der Genderstern eine Verkürzung. Statt alle Zwischengeschlechter zu nennen, werden sie allesamt durch einen Stern dargestellt – eine, trotz aller insgeheim drohenden und denkbaren Diskriminierung der Zwischengeschlechter, die ja nun alle über einen einzigen Kamm geschert werden, verständliche Kurzform – eine Kurzform mit einer Geschichte, einer digitalen Geschichte.

Der Stern wird seit langem im Rahmen technischer Sprachen im Umgang mit Computern gebraucht. Dort tritt er nicht nur als mathematisches Zeichen für diverse Operationen wie die Multiplikation, sondern zudem in zwei spezifisch computertechnischen Bedeutungen auf, von denen zumindest eine mit dem Genderstern direkt verwandt ist.

In der ersten Form beschreibt der digitale Stern als sogenannter Kleenscher Stern-Operator – benannt nach dem theoretischen Informatiker Stephen Cole Kleene – die Vervielfachung eines Symbols, entfernt vergleichbar den Pünktchen-Pünktchen der gewöhnlichen Sprache oder auch dem Überstrich in 3,314, um eine endlose Wiederholung anzudeuten. Mit dieser Deutung hat der Genderstern kaum etwas zu gemein, denn Bürger*in ist sicher nicht als endlose Wiederholung des Bürgers zu lesen.

Es ist die zweite Bedeutung des digitalen Sterns, die dem Genderstern in jeder Hinsicht entspricht. Sie wird beim Löschen von Dateien gebraucht und macht den Stern bei der Texteingabe zu einem Ersatz für beliebige Folgen von Zeichen. Da die meisten Benutzer eines Computers Dateien mit einem Mausklick löschen, ist dieses Sprachelement nur jenen bekannt, die sich noch an die Texteingabe bei MS-DOS erinnern und jenen, die auf einer UNIX-Eingabeoberfläche zu Haus sind. Leicht verständlich ist sie trotzdem: Schreibe ich etwa ›lösche *‹, dann wird nicht eine Datei mit dem Namen ›*‹, sondern es werden sämtliche Dateien gelöscht – der Stern vertritt alle Folgen von Zeichen. Schreibe ich ›lösche a*b‹ werden Dateien gelöscht, deren Name mit a beginnt und auf b endet. Der Ausdruck ›a*b‹ benennt also in einer Kurzform eine größere Zahl von Dateien, die gelöscht werden sollen. Und er macht es auf formelartige Weise.

Damit aber ist der Stern einer Sprache für Computer das Vorbild für den Stern einer menschlichen Sprache, der den einen wichtig und den andren ein Graus ist: Für den Genderstern. Auch mit dem Ausdruck Bürger*innen wird formelhaft alles benannt, was sich irgendwo zwischen Bürger und Bürgerin einordnen will. Wo auf einem Computer mit dem Stern auf mechanischem Weg potentiell unendlich viele Dateien benannt werden können, werden nun in der wirklichen Welt mit einem Formelzeichen unendlich viele Geschlechterzwischenstufen benannt.

Das kann man, verharmlosend, zu einem Ausdruck menschlichen Zeichenspieltriebs erklären. Und wäre es den Sprachmechanikern, die den Genderstern auf Biegen und Brechen durchsetzen wollen, nicht so tödlich ernst mit ihrer Absicht, bliebe das zusätzliche Zeichen eine Marotte von Leuten, die gerne spielen; es würden sich weitschweifige Diskussionen, wie denn Bürgerinnenmeisterin gendergerecht formuliert werden muss, ergeben, in denen sich der Zeichentrieb am Bilden von gendergerechten Ausdrücken austobt – ähnlich wie in der Welt des Computers. Jedes Forum mit Programmierer ist gefüllt mit ähnlichen Diskussionen über die Bedeutung und Korrektheit eines Ausdrucks: Heißt es Bürger*innenmeister*in oder vielleicht doch nur Bürgermeister*in ? Was ist mit einer Variante wie (Bürgermeister)*in ? Werden alle denkbaren Geschlechter benannt ? – Versuche, möglichst absurde Ausdrücke zu finden, liefern die Kritiker des Gendersterns frei Haus.

Der Spaß hört allerdings auf, wenn der Druck des Digitalen unterschwellig die Sprache erfasst. Man muss nur den vergeblichen Versuchen zuhören, den Genderstern in die gesprochene Rede zu holen; es will nicht gelingen. Und es kann nicht gelingen. Denn der Genderstern ist ein technisches Zeichen und wie beim Lesen mathematischer Formeln und den Texten von Computerprogrammen spricht man ihn nicht. Überhaupt niemand spricht in einer Computersprache mit seinem Computer, selbst wenn er ständig mit ihm schimpft.

Anders gesagt: Mit dem Genderstern haben Elemente formaler Sprachen Einzug in die natürliche Sprache gefunden, die dafür sorgen, dass wir Zeichen verwenden, die wir nicht aussprechen können – und wer weiß, wann wir ganz zu sprechen aufhören.

Nun, das wird wohl noch etwas dauern. Doch bevor es soweit ist, reicht die Einzug der formalen Sprachen aus der Welt des Digitalen weitaus tiefer als die Verwendung englischer Ausdrücke aus dem Computerjargon; er reicht in unser Geschlecht. Der Unterschied, der unser menschliches Wesen in aller Tiefe sowohl animalisch als auch künstlerisch zeigt wie nichts zweites, der Unterschied der Geschlechter, dieser Unterschied wird durch ein Symbol aus der mechanischen Welt des Computers nivelliert: Dem Genderstern.

Vielleicht haben einige Kämpfer für das Gendermainstreaming ja doch eine trübe Ahnung, dass etwas nicht stimmt und deshalb den Genderstern durch andere Zeichen ersetzt: Hier ist es der Unterstrich, dort der Doppelpunkt. Es wird also Bürger_in oder auch Bürger:in geschrieben. Nur ändert das nichts. Denn beide Zeichen stammen als Teil von Worten gleichfalls aus der Welt des Computers: Der Unterstrich trennt zwei Worte, die aus technischen Gründen, die hier zu erläutern zu weit führen würde, nicht durch ein Leerzeichen getrennt werden dürfen. Der Doppelpunkt trennt eine Art Vorwahl vom Anschluss, die Bürgerin würde zur Durchwahl des Bürgers – sicher nichts, was von den Verwendern intendiert worden ist und deutlich zeigt, dass die, die Sonderzeichen aus formalen Sprachen in Wörter einfügen wollen, nicht wissen, was sie eigentlich tun.

Was wir hier, unabhängig vom Zeichen, erleben, ist nicht weniger, als ein Übergriff der Technik auf unser menschliches Wesen mit Hilfe der Sprache. Dass der Übergriff ausgerechnet von jenen forciert wird, die in den meisten Fällen wenig von Technik verstehen und in vielen Fällen ein Leben bestimmt durch welche Technik auch immer, übrigens völlig zu recht, ablehnen würden, macht die Entwicklung sowohl ernst als auch amüsant, jedenfalls aus der Warte der linguistischen Götter. Sie sehen im Genderstern sicherlich nur einen neuen Beweis, dass die Menschen nicht Maß halten können. Mit dem Genderstern und dem Wunsch, das Geschlecht nach Lust und Laune wechseln zu können, versuchen sie ihre Natur zu negieren und wenn schon nicht wie die Götter zu werden, so doch wenigstens Entscheidungen treffen zu können, die nur die Götter allein treffen sollten: Zu welchem Geschlecht sie gehören.

Samstag, 30.Januar 2021
Transgender – Zwischen mythischem Wunsch und Frankensteins Übermensch Nach einem von Grünen und Liberalen geplanten Gesetz, wird der Wechsel des Geschlechts demnächst durch einen bloßen Sprechakt ermöglicht. Und es ist schwierig zu entscheiden, ob man lachen soll oder weinen. Denn recht eigentlich ist dieser Wunsch, das Geschlecht jederzeit wechseln zu können, ein lange gehegter Wunsch des Menschengeschlechts.

Die alten Griechen hatten dafür die Gestalt des Teiresias erdichtet. Allerdings waren sie, die griechischen Erzähler, noch bedacht genug, Teiresias das Geschlecht nur zweimal wechseln zu lassen: Vom Mann zur Frau und von der Frau wieder zum Mann. Außerdem war die Wandlung als Strafe gemeint. Weiblich wurde Teiresias, nachdem er das Weibchen eines Paares sich paarender Schlagen erschlug; männlich wurde er wieder, nachdem er das Männchen eines Paares sich paarender Schlagen erschlug.

Und noch in einem anderen Punkt waren die Erzähler eben Erzähler: Sie formulierten den Sinn der Wandlung in eine Schlüsselfrage, die viele von uns auch heute noch umtreibt: Wer empfindet mehr geschlechtliche Lust: Der Mann oder die Frau ? Zeus wettete auf den Mann, seine Frau Hera auf die Frau. – Mit Speck fängt man Mäuse haben sich die Mannen um Homer wahrscheinlich gedacht – und auch in der griechischen Mythologie galt die Regel: Sex sells, Sex verkauft sich gut.

Der moderne Mensch macht in diesen Tag Ernst mit der Geschlechterumwandlung. Nachdem das Geschlecht zum bloßen Konstrukt erklärt worden ist, wird unter Verweis auf das Recht eines jeden Menschen, alles mit sich machen zu dürfen, was er sich wünscht, Männern erlaubt, sich als Frau zu bezeichnen und Frauen erlaubt, sich als Mann zu bezeichnen.

Das aber ist der wesentliche Unterschied zwischen den Erzählern von damals und den Geschlechtskonstrukteuren von heute. Während jene mit spannenden und nachdenkenswerten Geschichten über das Verhältnis der Geschlechter ihre Hörer unterhielten, toben diese ihre Allmachtsphantasien hemmungslos aus. Und nichts anderes ist es, wenn Geschlechterumwandlungen heute Gesetz werden sollen.

Anders als vielfach vermutet, geht es bei dem Gesetzesentwurf und all den Initiativen gegen eine angeblich herrschende Transenphobie nicht um die Nivellierung der beiden Geschlechter; nicht die Angleichung bis zur Ununterscheidbarkeit der Geschlechter heißt das Ziel. Nein, es ist die Möglichkeit zum wahlfreien Zugriff, auf den das mögliche Wechselbalg spekuliert. Heute Mann, morgen Frau. Und das, so erlaubte es dann das Gesetz, einmal im Jahr – ein zeitlicher Mindestabstand, den die Antragsteller angesetzt haben. Andernfalls wären die Behörden womöglich über fordert.

Wenn aber der ständige Wechsel vom Männchen zum Weibchen und wieder zurück der tatsächliche Wunsch ist, dann ist das erzeugte Wesen nicht mehr mit Teiresias, sondern mit einer anderen Figur der Literatur sehr eng verwandt: Mit Frankensteins Monster. Es erfüllte den Wunsch seines Meisters, Leben schaffen zu können. Positiv möchte man feststellen können: Die Erzeuger sind bescheiden geworden. Transgender ist kein neues Geschöpf, es wechselt bloß bis zu einmal im Jahr sein Geschlecht. Allerdings geht es heute ja auch nicht mehr nur um schöne Worte in einem Roman, sondern um die tatsächliche Umwandlung von Männern zu Frauen und Frauen zu Männern.

Transgender ist, indem es die Fiktion überschreitet, nichts als die Realisierung von Machtphantasien. Daher gehört das Gesetz in eine geistige Linie zu allem anderen, was Menschen sich in ihrer Selbstüberschätzung an technischen Gerätschaften ausgedacht haben. Transgender ist die Ausgeburt menschlicher Selbstübersteigung. In der Tradition dieses Wahns bewegen sich Grüne und Liberale. Mit einem Unterschied: Der Traum vom Mondflug ist verglichen mit dem Wunsch, Transgender zu sein, naiv und human und selbst die Atombombe hatte zumindest noch den Sinn, einen Krieg zu beenden und andere zu verhindern.

Transgender hat davon nichts; es ist Technik nur um des schnöden Vergnügens, das verzogene Bürgerbälger westlicher Länder sich gönnen. Sie fühlen sich frei und überdies anderen, die ihr Geschlecht demütig als naturgegebenen Rahmen begreifen, weit überlegen. Und damit wird deutlich: Hinter dem Wunsch, Transgender zu sein, lauert eine andere, ungute alte Gestalt: Der Übermensch. Also jene bei Nietzsche metaphysisch gemeinte und wiederum literarisch ausgeführte Figur, die später als sozialistischer Idealmensch soviel Unglück über den europäischen Kontinent bringen konnte. Transgender geht über in »transhuman« – der Begriff, der im Englischen für Übermensch üblicherweise gebraucht wird. Auch wenn es dann meistens gleich »Übermensch« heißt statt Transhuman.

Transgender und Transhuman – diese zwei Wesen sind die Produkte eines übersteigerten Willens zur Macht, der seinen Triumph über das Werk der Natur feiern will. Beide, Transgender und Transhuman, sind nicht das Produkt einer Freude an der Auslegung mythologischer Werke und Figuren, sei es nun Teiresias oder Frankensteins Monster. Mann oder Frau sollen sie sein und im Wechselspiel werden, egal was die Natur oder Gott ihnen gab und für sie bestimmte.

Schicksal nennt man diese Bestimmung und es war Freud, der die auch als Warnung zu verstehende Erkenntnis aussprach: Anatomie ist Schicksal. Schwer zu glauben, dass die neuen Frankensteins sich bei Transgender davon beirren lassen und innehalten. Trotzdem sei hier an das Schicksal von Frankensteins Monster erinnert: Als sein Erzeuger es sah, floh er und ließ das bemitleidenswerte Geschöpf mit sich alleine zurück. Auf der Suche nach menschlicher Nähe fand es sie nur bei einem Blinden. Alle anderen liefen eilig davon und sein Erzeuger schließlich hinter ihm her, um ihn zu töten, was ihm nicht gelingt.

Erging es Teiresias besser ? – Er machte den Fehler, sein Wissen, wer denn nun bei der geschlechtlichen Lust mehr empfände, der Mann oder die Frau, den streitenden Göttereheleuten zu stecken: Die Lust der Frau verhält sich zur Lust des Mannes wie neun zu eins. Hera behielt also recht und – wie meist denken die alten Griechen noch einen Schritt weiter – rächte sich an Teiresias wie eine Frau sich eben rächt, deren Geheimnis ein Mann offenbart, und machte ihn blind. Zeus schenkte ihm zum Ausgleich die Gabe des Sehers und eine siebenmal längere Zeit zu leben.

Nichts davon wird Transgender geschenkt. Und deshalb ist nicht Angst vor Transgender, sondern Angst um Transgender die angemessene Art, auf diese infantilen Spielchen zu reagieren. Transgender ist ein Geschöpf, das unser Mitleid verdient. Es passt in eine Welt, die meint, Wunscherfüllung sei das Maß aller Dinge.

2020 Top
* Der Titel "Die Verheerung Europas" bezieht sich auf die Aufzeichnungen von Wilhelm Muehlon aus den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs. Muehlon gehört zu den großen deutschen Intellektuellen, die heute praktisch vergessen sind. Sein Kriegstagebuch über den Zweiten Weltkrieg zählt zum besten und spannendsten, was über diese zweite europäische Katastrophe geschrieben wurde: Distanziert, zugleich beteiligt und immer mit einem Blick, den man sich für die heutige Zeit wünscht.
© Wolfgang Hebold
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