Wolfgang Hebold

Die Verheerung Europas *

Ein Tagebuch des Niedergangs
2020
Samstag, 30.Januar 2021
Transgender – Zwischen mythischem Wunsch und Frankensteins Übermensch Nach einem von Grünen und Liberalen geplanten Gesetz, wird der Wechsel des Geschlechts demnächst durch einen bloßen Sprechakt ermöglicht. Und es ist schwierig zu entscheiden, ob man lachen soll oder weinen. Denn recht eigentlich ist dieser Wunsch, das Geschlecht jederzeit wechseln zu können, ein lange gehegter Wunsch des Menschengeschlechts.

Die alten Griechen hatten dafür die Gestalt des Teiresias erdichtet. Allerdings waren sie, die griechischen Erzähler, noch bedacht genug, Teiresias das Geschlecht nur zweimal wechseln zu lassen: Vom Mann zur Frau und von der Frau wieder zum Mann. Außerdem war die Wandlung als Strafe gemeint. Weiblich wurde Teiresias, nachdem er das Weibchen eines Paares sich paarender Schlagen erschlug; männlich wurde er wieder, nachdem er das Männchen eines Paares sich paarender Schlagen erschlug.

Und noch in einem anderen Punkt waren die Erzähler eben Erzähler: Sie formulierten den Sinn der Wandlung in eine Schlüsselfrage, die viele von uns auch heute noch umtreibt: Wer empfindet mehr geschlechtliche Lust: Der Mann oder die Frau ? Zeus wettete auf den Mann, seine Frau Hera auf die Frau. – Mit Speck fängt man Mäuse haben sich die Mannen um Homer wahrscheinlich gedacht – und auch in der griechischen Mythologie galt die Regel: Sex sells, Sex verkauft sich gut.

Der moderne Mensch macht in diesen Tag Ernst mit der Geschlechterumwandlung. Nachdem das Geschlecht zum bloßen Konstrukt erklärt worden ist, wird unter Verweis auf das Recht eines jeden Menschen, alles mit sich machen zu dürfen, was er sich wünscht, Männern erlaubt, sich als Frau zu bezeichnen und Frauen erlaubt, sich als Mann zu bezeichnen.

Das aber ist der wesentliche Unterschied zwischen den Erzählern von damals und den Geschlechtskonstrukteuren von heute. Während jene mit spannenden und nachdenkenswerten Geschichten über das Verhältnis der Geschlechter ihre Hörer unterhielten, toben diese ihre Allmachtsphantasien hemmungslos aus. Und nichts anderes ist es, wenn Geschlechterumwandlungen heute Gesetz werden sollen.

Anders als vielfach vermutet, geht es bei dem Gesetzesentwurf und all den Initiativen gegen eine angeblich herrschende Transenphobie nicht um die Nivellierung der beiden Geschlechter; nicht die Angleichung bis zur Ununterscheidbarkeit der Geschlechter heißt das Ziel. Nein, es ist die Möglichkeit zum wahlfreien Zugriff, auf den das mögliche Wechselbalg spekuliert. Heute Mann, morgen Frau. Und das, so erlaubte es dann das Gesetz, einmal im Jahr – ein zeitlicher Mindestabstand, den die Antragsteller angesetzt haben. Andernfalls wären die Behörden womöglich über fordert.

Wenn aber der ständige Wechsel vom Männchen zum Weibchen und wieder zurück der tatsächliche Wunsch ist, dann ist das erzeugte Wesen nicht mehr mit Teiresias, sondern mit einer anderen Figur der Literatur sehr eng verwandt: Mit Frankensteins Monster. Es erfüllte den Wunsch seines Meisters, Leben schaffen zu können. Positiv möchte man feststellen können: Die Erzeuger sind bescheiden geworden. Transgender ist kein neues Geschöpf, es wechselt bloß bis zu einmal im Jahr sein Geschlecht. Allerdings geht es heute ja auch nicht mehr nur um schöne Worte in einem Roman, sondern um die tatsächliche Umwandlung von Männern zu Frauen und Frauen zu Männern.

Transgender ist, indem es die Fiktion überschreitet, nichts als die Realisierung von Machtphantasien. Daher gehört das Gesetz in eine geistige Linie zu allem anderen, was Menschen sich in ihrer Selbstüberschätzung an technischen Gerätschaften ausgedacht haben. Transgender ist die Ausgeburt menschlicher Selbstübersteigung. In der Tradition dieses Wahns bewegen sich Grüne und Liberale. Mit einem Unterschied: Der Traum vom Mondflug ist verglichen mit dem Wunsch, Transgender zu sein, naiv und human und selbst die Atombombe hatte zumindest noch den Sinn, einen Krieg zu beenden und andere zu verhindern.

Transgender hat davon nichts; es ist Technik nur um des schnöden Vergnügens, das verzogene Bürgerbälger westlicher Länder sich gönnen. Sie fühlen sich frei und überdies anderen, die ihr Geschlecht demütig als naturgegebenen Rahmen begreifen, weit überlegen. Und damit wird deutlich: Hinter dem Wunsch, Transgender zu sein, lauert eine andere, ungute alte Gestalt: Der Übermensch. Also jene bei Nietzsche metaphysisch gemeinte und wiederum literarisch ausgeführte Figur, die später als sozialistischer Idealmensch soviel Unglück über den europäischen Kontinent bringen konnte. Transgender geht über in »transhuman« – der Begriff, der im Englischen für Übermensch üblicherweise gebraucht wird. Auch wenn es dann meistens gleich »Übermensch« heißt statt Transhuman.

Transgender und Transhuman – diese zwei Wesen sind die Produkte eines übersteigerten Willens zur Macht, der seinen Triumph über das Werk der Natur feiern will. Beide, Transgender und Transhuman, sind nicht das Produkt einer Freude an der Auslegung mythologischer Werke und Figuren, sei es nun Teiresias oder Frankensteins Monster. Mann oder Frau sollen sie sein und im Wechselspiel werden, egal was die Natur oder Gott ihnen gab und für sie bestimmte.

Schicksal nennt man diese Bestimmung und es war Freud, der die auch als Warnung zu verstehende Erkenntnis aussprach: Anatomie ist Schicksal. Schwer zu glauben, dass die neuen Frankensteins sich bei Transgender davon beirren lassen und innehalten. Trotzdem sei hier an das Schicksal von Frankensteins Monster erinnert: Als sein Erzeuger es sah, floh er und ließ das bemitleidenswerte Geschöpf mit sich alleine zurück. Auf der Suche nach menschlicher Nähe fand es sie nur bei einem Blinden. Alle anderen liefen eilig davon und sein Erzeuger schließlich hinter ihm her, um ihn zu töten, was ihm nicht gelingt.

Erging es Teiresias besser ? – Er machte den Fehler, sein Wissen, wer denn nun bei der geschlechtlichen Lust mehr empfände, der Mann oder die Frau, den streitenden Göttereheleuten zu stecken: Die Lust der Frau verhält sich zur Lust des Mannes wie neun zu eins. Hera behielt also recht und – wie meist denken die alten Griechen noch einen Schritt weiter – rächte sich an Teiresias wie eine Frau sich eben rächt, deren Geheimnis ein Mann offenbart, und machte ihn blind. Zeus schenkte ihm zum Ausgleich die Gabe des Sehers und eine siebenmal längere Zeit zu leben.

Nichts davon wird Transgender geschenkt. Und deshalb ist nicht Angst vor Transgender, sondern Angst um Transgender die angemessene Art, auf diese infantilen Spielchen zu reagieren. Transgender ist ein Geschöpf, das unser Mitleid verdient. Es passt in eine Welt, die meint, Wunscherfüllung sei das Maß aller Dinge.

2020 Top
* Der Titel "Die Verheerung Europas" bezieht sich auf die Aufzeichnungen von Wilhelm Muehlon aus den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs. Muehlon gehört zu den großen deutschen Intellektuellen, die heute praktisch vergessen sind. Sein Kriegstagebuch über den Zweiten Weltkrieg zählt zum besten und spannendsten, was über diese zweite europäische Katastrophe geschrieben wurde: Distanziert, zugleich beteiligt und immer mit einem Blick, den man sich für die heutige Zeit wünscht.
© Wolfgang Hebold
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