Wolfgang Hebold

Die Verheerung Europas *

Ein Tagebuch des Niedergangs
2022
Montag, 30.Januar 2023

Da debattiert jemand über Seiten mit Deterministen, die meinen, alles sei vorherbestimmt und geregelt durch Weltgesetze. Daß ihre eigene Antwort auf die Frage – welche Frage eigentlich? – ebenfalls vorbestimmt ist – also eigentlich gar keine Frage ist –, scheint ihnen nicht eine Sekunde in den Sinn zu steigen.

Ach, die gute alte Selbstbezüglichkeit. Der Kreter, der nichts allgemeingültiges über die Kreter sagen darf, der Mathematiker, der nichts über die gesamte Mathematik sagen darf. So schleichen sich Psychosen in die harten Wissenschaften des Geistes. Am Ende haben sie über alles etwas gesagt und manches stimmt eben nicht oder es fehlt noch etwas. Selbstbewußtsein entsteht eben am Widerspruch oder am endlosen Band der niemals vollständig bewiesenen Sätze.

Jetzt fürchten alle, Putin könne mit seiner geplanten Offensive früher als gedacht, beginnen. Und keiner merkt, daß die versprochenen Panzer, ohne auch nur einen einzigen Schuss abgefeuert zu haben, Putin in eine Falle locken. Denn wenn irgendwas schiefgeht, dann sind es verfrühte militärische Offensiven. Die Russen haben sich vor einem Jahr selbst nach umfangreichen Vorbereitungen komplett verzettelt. Wie das gegen vorbereitete Ukrainer ausgeht, kann man sich denken. Zumal Putin in der Schlacht um Bachmut jetzt seine Fallschirmjäger einsetzen soll, die erschöpfte Wagner-Söldner ersetzen. Sollten die Russen tatsächlich ihre Eliteeinheiten in einem Kampf um diese Kleinstadt verheizen, dann müssen sie wirklich fertig sein.

Foucault spricht von einer »Polizei des Sexes«. Und davon, daß die Macht sich aufgeschäumter Krankheiten bedient, um den Sex in Griff zu bekommen. Oder sollte man nicht besser sagen: Um den Bürger am Haken »Sex« an Land zu ziehen? – Eine EU-Präsidentin, die von Liebe spricht, sollte jedem Bürger verdächtig vorkommen, insbesondere wenn sie von einer Liebe spricht, sieben Kinder hat und beruflich für den Staatsapparat unterwegs ist. Und eine Innenministerin, die aussieht wie eine Orange Mitte Februar, die sogar von »einer Liebe« propagandiert, erst recht. Foucault benennt die Macht nicht ein einziges Mal konkret, so daß er sich liest, als hätte Yoda nachgedacht.

Hier, in Politikern, die von Liebe reden, um Herrschaft über Jugendlichen mit einer Geschlechtsirritation zu erlangen, findet das Wort von der Macht seine Bedeutung.

Manchnmal ist es sinnvoll, ein Wort ohne eine Bedeutung zu lassen. Es findet sie später von selber.

Nicht-Alltägliches

Analphabeten können nicht Programmieren (pdf)

Sonntag, 29.Januar 2023

Wieso sprechen wir vom »Kolonialismus«, wenn wir nur den »europäischen Kolonialismus« meinen? Und wieso wird nur Europa kritisiert, wo doch die europäischen Kolonialisten die bis heute ersten und einzigen waren, die ihren Kolonialismus geißelten? Beginnend mit den Mönchen, die an Cortez nichts gutes ließen bis zu den woken Weibern, die sich einen Neger zur Brust nehmen; nur daß die Mönche, vielleicht weil sie einen wichtigen Baustein kirchlicher Macht darstellten, es ehrlich meinten, wohingegen die zumeist hässlichen Weiber ihre Wut austoben wollen, ihre Wut über das Schicksal, das es nicht gut mit ihnen meinte, äußerlich, meine ich.

Venedig, Stadt in die man nie bewußt das letzte Mal fährt, so lange man den Zeitpunkt seines Todes nicht kennt, und sei es auch nur, um zu sehen, ob sie wirklich die schönste ist in allen Ländern. Das Grau in Wasser und Himmel verdient einen halben Tag des Nachdenkens. Dann über das hervorhebende Grau im Dach von »San Marco« erstaunt, dessen metaphernde Wellen im Sommerlicht die Oberkante des Dogenpalast nur wenig überspülen. Jetzt, Ende Januar, überragt der Dom seine Umgebung mit klarem Kontrast. Meer, Dach, Himmel - drei Grau.

Plötzlich steht draußen »Venezia Mestre«. Wo ich »Verona Porta Negra« erwartete sind wir fast am Ziel. Freude, schon so weit zu sein, wie in einem erfüllten Wunschtraum. Geglückte Überraschung. Wenn mal diese Freude nicht signalisiert, es möge schneller vorbei sein.

Noch immer kann mir keiner erklären, was die Grünen antreibt, die Ukraine militärisch zu unterstützen. Die Putinanhänger machen es einem da zumindest vordergründig leicht. Es sei denn, es ist bei beiden Gruppen die Dummheit gepaart mit Machtgier; bislang die plausibelste Erklärung. Grüne und AfD gieren nach Wählerstimmen. Die AfD erntet bei den weiterhin friedensversessenen Linken und die Grünen ernten bei den kriegsbereiten Linken.

Freitag, 27.Januar 2023

Tag des Holocaustgedenkens. Wieder einmal, greifen die Falschen nach den jüdischen Opfern und saugen sie aus. Bestimmen darüber, wer erinnern darf und wer nicht. Erinnerung als Ritual und Bindematerial.

Grotesk, wenn ausgerechnet die nach Moskau gewandte deutsche Rechte sich immer schneller der Worte der Grünen von der sogenannten Friedensbewegung bedient. Und die Verblendung ist so vollkommen, daß sie es wirklich nicht merken und noch stolz darauf sind, über ein Plakat mit dem Hinweis, die Wahl der AfD sei wie die Wahl der NSDAP 1933 kleben: Das sagen die, die heute zu den Waffen rufen wie die von 1914. Beides ist Unsinn. Unsinn – eine falsche Kategorie in der Politik.

Das Gleiche bei Foucault, der, ohne es selber zu wirklich zu wissen, die falsche Liberalität der Moderne beschreibt. »Unsere Epoche war die Wegbereiterin sexueller Heterogenität«, schreibt er unter dem Untertitel »Die Einpflanzung von Perversion«. Und dann spricht er von einer »Heraushebung einer spezifischen Dimension der ›Widernatur‹«. Wer Beschreibungen des Heute sucht, wird bei ihm fündig. Andere als seine Wendungen könnten kaum treffender sein: »Auftauchen peripherer Sexualitäten«, »Gesellschaft der blühendsten Perversionen«, »Familie der Perversen«.

Foucault ist ein lausiger Empiriker. Aber er ist eben kein Positivist. Seine Gedanken sind freischwebend und auf heute – zufällig? – absolut passend. Die ganze Genderei ist nur eine weitere Stufe der Machtentfaltung durch den Dauerdiskurs über Sex. So gelesen wird Foucault ebenso wie Agamben zu einem Denker der politischen Rechten. Beide weisen Wege, die Machtentfaltung der politischen Linken auf ihren Wegen und mit ihren Strategien zu erfassen. Falls denn jemand dieses Begriffspaar noch braucht und nicht gleich zu Schmitt zurückkehrt und das weitere Denken in den Kategorien Freund und Feind, jeweils auswechselbar, laufen und sich entfalten lässt.

Ein ewiges Bäumchen-Wechsel-Dich, gut erfasst in der Formulierung »Rot-Grüne Rassenlehre«, über die die Innenministerin so erbost ist.

Donnerstag, 26.Januar 2023

Die Presse ist voll mit dem mörderischen Angriff eines Arabers in einem Regionalzug in Norddeutschland. Zwei Tage Aufregung und dann werden die Politiker wieder Rechte verfolgen und die eingeschleusten Araber machen lassen, wie es ihnen gefällt.

Wahrscheinlich ist aus der ideologischen Verbindung mit diesen Terroristen längst Angst vor dem Schaden geworden, den das Eingeständnis einer falschen Politik bewirkte. Instinktiv fühlt wohl jeder von diesen verbohrten Grünen und Sozialdemokraten, daß dieser Krieg verloren ist. Die haben den Teufel ins Land gelassen und nun beißt er ihnen die Hand ab. »Du wußtest, daß ich eine Schlange bin«, schallt es still durchs Land. Auch dieser sogenannte Palästinenser ist ein Mörder. Nicht der erste. Und nicht der letzte.

Was macht dieses Land so schwer erträglich? Die Verblendung? Die Blödheit?

Gestern meint in einem rechten Portal ein Putinanhänger, das Mittel des IQ sämtlicher Regierungsmitglieder läge noch unter der mittleren Temperatur an der russischen Südpolstation »Wostok«. – Dumm, wenn man zu dämlich ist, seine eigenen polemischen Bilder zu Ende zu denken. Bekanntlich gibt es keine negativen Werte für den IQ. Aber es ist ein schönes Beispiel, wie man nicht formulieren sollte. Immerhin.

Schon amüsant, Rechte reden zu hören wie die Grünen 1980 und die Grünen zu hören, wenn die Grünen reden wie die Rechte vor hundert Jahren. Die Panzerlieferungen sind unbedingt richtig. Aber Hofreiter kann mich mit seinem Geschrei nicht überzeugen.

Mittwoch, 25.Januar 2023

Putin hat das Wettrennen um Scholz verloren. Die SPD stimmt der Lieferung von Panzern des Typs Leopard 2 zu und kann Ihre Politik des feigen Hinhaltens nicht mehr länger beibehalten; schlimm genug, daß ihr das so lange gelang. Wäre Putin nur etwas erfolgreicher gewesen, dann hätte die SPD weiter verzögert und die Russen könnten die Ukraine früher oder später kassieren und kein Sozialdemokrat würde groß etwas machen. So aber haben die Waffen gesprochen und Europa und die Ukraine haben gewonnen.

Wurde Scholz von polnischen Ministerpräsidenten bloßgestellt? Im gewissen Sinne. Denn die SPD, als Partei mit der großen Klappe, muss von der Bemerkung »Europa und die Ukraine gewinnen den Krieg – mit oder ohne Deutschland«, getroffen sein, auch wenn diese Partei Feigheit als Einwand nicht gelten lässt, schließlich ist sie immer feige gewesen.

Jetzt gilt es, die entsprechend ausgerüsteten schnellen ukrainischen Verbände zu schaffen. US-Ausbilder gibt es genug. Stoßen die Ukrainer erst einmal bis zum Asowschen Meer durch, dann hängt das westlich anschließende Gebiet in der Luft und die Nachschubwege zur Krim liegen unter Feuer. Die Befreiung des Donbas ist wäre eine Frage der Zeit.

Weißrussland wird nach dem »Ja« des Westens zu umfassenden Panzerlieferungen keinen Angriff mehr wagen, da die polnischen Panzerverbände an ihrer rechten bzw. westlichen Flanke nur darauf lauern, ihnen den Garaus zu machen. Man kann sagen: Seit 1905 wurde Russland militärisch nicht mehr dermaßen gedemütigt. Nach einem Sieg über Russland wächst mit der Einheit Polen und Ukraine ein neues Machtzentrum in Europa heran. Die EU wird in Zukunft sehr viel kleinlauter werden.

Natürlich sind die Medien wieder einmal voll mit dem üblichen kleinlauten Gerede. Zitat aus der Welt: »Weder Warschau noch Riga können im Zweifelsfall einen russischen Vorstoß auf Nato-Gebiet abwehren – nur die Amerikaner sind dazu in der Lage.« – Lesen diese Leute keine Zeitung? Genau das hat man von der Ukraine auch gedacht. Eigentlich sollten Jounalisten langsam verstanden haben, daß kriegerische Ereignisse nicht so leicht vorhersehbar sind. Niemand gab 1948 einen Pfifferling auf Israel, niemand 1965 auf Vietnam und eben niemand 2022 auf die Ukraine. Nur mal zur Erinnerung: Europa hat 500 Millionen Einwohner und eine enorme Wirtschaftskraft. In militärische Kraft umgewandelt, wäre es sehr schnell eine Großmacht. Allerdings nicht unter von der Leyen.

*

Ständig über »Sex« reden, verinnerlicht die Macht – so Foucault und das auch zu recht. Ständig über »Gender« reden, verinnerlicht die Macht dann aber ebenfalls. Welche Macht? – Das ist die falsche Frage.

Die richtige Frage lautet: Was bewegt die mittels der steten Rede von »One Love« mühsam unter der Decke gehaltene staatliche Anweisung zum gesünderen Sex in uns. Was heißt es, wenn jetzt schon EU-Präsidenten zur Befreiung der Sexualität aufrufen, als wäre das nicht Sache des Einzelnen. Sie, diese Dauerrede, führt zu Austauschbarkeit und Beliebigkeit, folglich zu Konsum und mehr Konsum. Das wäre das eine.

Aber sie führt in ihrer kruden Symbolik von Gendersternchen, Unter- und Bindestrichen zur Technisierung der Sprache. Remove Schüler*innen löscht alle Geschlechter, wissen die Älteren noch und die neueren Bediener von Linux auch heute. Ein digitaler Diskurs macht sich in unseren Hirnen breit und wir digitalisieren buchstäblich von Innen. Auch so kann man Foucault lesen.

Denn die Grundidee ist richtig: Der Diskurs fängt uns ein. Er macht aus »Sex« schlussendlich »Gender«. Abschied vom Körper und seinem Einfluss und von seiner Abhängigkeit.

Dienstag, 24.Januar 2023

Saussure betont die gesprochene Sprache gegenüber der Schrift. – Ist die Schrift überhaupt Sprache? – Wenn das aber so ist, wenn Schrift sich grundlegend von Sprache unterscheidet, dann sollte unsere Sorge um die Sprache angesichts der Angriffe durch den Genderismus sich etwas beruhigen. Denn nur in der Schrift tobt er sich mit seinen Lächerlichkeiten aus. Niemand spricht glucksend und wer es macht, macht sich gleich doppelt lächerlich: Durch seinen Gehorsam, denn wie Gehorchen klingt es, und durch seine offenkundige Unfähigkeit, angemessen zu sprechen. Es kommt ja auch niemand auf die Idee, eine Verwaltungsvorschrift laut vorzulesen, außer er will sich lächerlich machen.

Der Genderismus bewegt sich ausnahmslos auf der schriftlichen Ebene, greift aber nicht auf die Sprache über.

Der Genderismus wird irgendwann still und heimlich verschwunden sein. Wie alle Versuche, 3D-Techniken im Film einzuführen. Filme kommen von Bildern und die brauchen keine dritte Dimension. Sie ist lächerlich, weil sie Augen und Hirn nicht zutraut, diese Dimension selber zu schaffen. Beide sind unterfordert und wie könnte das zu gutem Kino führen.

Montag, 23.Januar 2023

Auf einer der AfD nahestehenden online-Plattform angegiftet zu werden, weil man die Ukraine unterstützt, hat schon was seltsames. Was geht in diesen Politikern vor, daß sie sich als unterdrückte Meinung verstehen, selbst aber keinen Deut besser sind? Daß jemand andere Meinungen unterdrückt, mag ja angehen, ist immer im gewissen Sinne – »Politik ist das Denken in Freund und Feind« – durchaus verständlich. Aber in diese Richtung machen, was man in der anderen Richtung verdammt, das hat schizophrene Züge. So wie jetzt viele deutsche Rechte Moskau anhimmeln. Sind die Verbrechen schon vergessen? Die Vergewaltigungen? Vertreibungen?

Dieses Tollhaus wird nur noch von den Grünen übertroffen. Sie liegen ja richtig mit ihren Forderungen – aber was ist in ihren Köpfen passiert? Ist Macht doch automatisch mit einem affirmativen Verhältnis zur Gewalt verbunden? Das wäre eine Psychostudie wert. Auch die Hippies von 1968 sollen ja in Vietnam die Rache für die Niederlage ihrer Väter gesehen haben. Absurd, aber plausibel.

Heute vor 80 Jahren brach die letzte Woche des Kessels von Stalingrad an. In den Medien erscheinen die ersten Erinnerungen. Das übliche triste Jammern, wie es schon bei den Nazis einen Tag nach Ende der Schlacht angestimmt wurde, nur mit umgekehrten ideologischen Vorzeichen, aber so oder so passend zu Bruckners zweitem Satz aus der Siebenten oder dem Trauermarsch aus der »Eroica«. Fachmilitärisches suche ich vergebens. Aber vielleicht kann es das auch nicht mehr geben ohne neue Erkenntnisse.

Sonntag, 22.Januar 2023

Die Diskussionen um den Leopard 2 nehmen langsam groteske Züge an. Die SPD ziert sich, die Grünen spritzen gleich ab und die FDP kümmert sich lieber um die Regenbogenfamilie. Oder will die SPD sich nur Bitten lassen? Genießen hier einige gerade das Gefühl, über eine begehrte deutsche Technologie zu verfügen? Und wohl für lange Zeit das letzte Mal. Also der Leo 2 als eine Art technische Tor-Schluss-Panik der Bundesregierung.

Am Ende macht der Leopard womöglich den Marder. Der Leo 2 wurde ja bereits unter kriegsähnlichen Bedingungen eingesetzt; von der Türkei in Nordsyrien. Allerdings mit nur mäßigem Erfolg, was aber wohl an der hasenfüßigen türkischen Infanterie lag. In der Berliner Innenstadt Rennen fahren, ist eben was anderes. Kein Kebab-Schnippler will, verständlicherweise, für Erdogan sterben.

*
Nein, Lehrer verängstigen Schüler nicht. Aber sie verletzen unter Umständen ihre Schamgefühle.

Das gilt auch umgekehrt. Wer Lampenfieber hat, vor einer Klasse nicht reden will, Vorträge meidet, der verspürt keine Angst, sondern sieht seine Scham bedroht. Adam und Eva aßen vom Baum der Erkenntnis bedeutet, sie aßen vom Baum der Erkenntnis ihres Unwissens; eine geradezu sokratische Wendung.

Wenn wir jemandem gegenübertreten und besorgt sind, Unsinniges zu sagen oder uns zu irren, dann unterscheidet sich diese Sorge von der Angst oder meinetwegen auch der Furcht, überfallen zu werden. Wir haben Sorge, nackt dazustehen, entblößt vom schützenden Wissen. Es ist keine Empfindung, die sich auf die Verletzung des Körpers bezieht, auch wenn wir vom verletzten Schamgefühl reden; diese Wendung ist lediglich eine Metapher. Der Geist gerät unter Druck.

Von hier aus erscheint Freuds Bemerkung, Schamlosigkeit sei die erste Stufe zum Schwachsinn, in einem anderen Licht. Schwachsinn meint plötzlich schwach im intellektuellen Sinne.

Der Lehrer muss, um erfolgreich zu sein, das Schamgefühl seiner Schüler ansprechen. Kommt daher die Erotik des Unterrichtens?

Samstag, 21.Januar 2023

In einem Gespräch berichtet der Redenschreiber Emanuel Macrons, Sylvain Fort, von einem bemerkenswerten Niedergang in Frankreich: Kaum jemand ist dort noch bereit, die Sprache des großen östlichen Nachbarn zu lernen. Deutsch ist immer unbeliebter. In Paris gibt es, wie er enttäuscht feststellt, nicht einmal mehr einen deutschen Buchladen.

Fort gehört zu den heute seltenen Exemplaren im Dunstkreis der Politik, die nicht nur ein leidenschaftliches Interesse an Kultur pflegen; er begeistert sich auch für Wirtschaft und militärische Fragen, arbeitet an einem »Liebeslexikon der französischen Armee«, übersetzt aus dem Alt-Griechischen und schätzt die deutsche Sprache. Was will man mehr. Kaum vorstellbar, daß sich in den quotierten deutschen politischen Vereinen so jemand lange hielte.

Mittlerweile hat Fort das Umfeld der französischen Regierung wieder verlassen – und kann offener sprechen. Etwa über den Niedergang der deutschen Sprache in Frankreich. Sie wird nicht mehr unterrichtet und die Zeiten, als ich in Frankreich mit Englisch nicht weit kam, weil die meisten Franzosen zu meiner Überraschung lieber Deutsch sprachen als Englisch, sind wohl vorbei.

Das bliebe alles im Rahmen der üblichen Trauer über den kulturellen Niedergang, der ja ohne Frage stattfindet, wenn Fort nicht auf die genauen Gründe eingehen würde. Und die sind leicht zu benennen: Das Deutsche gilt vielen Franzosen als zu schwierig und daher als elitär. Und elitär ist heute nicht angesagt. Auch in Paris wird die einfache Sprache bevorzugt; also Ausdrucksweisen, bei denen sich Politiker insbesondere aus dem linken und grünen Lager immer noch schlau vorkommen dürfen.

Und dann nennt Fort in wenigen Sätze die zentralen Gründe für den sprachlichen Niedergang. Lehrer und Schüler vermeiden die Zumutungen grammatikalischer Strenge, insbesondere die deutsche Grammatik, »die eine gewisse intellektuelle Disziplin voraussetzt«. Überraschend und richtig ist der Sprung, den Fort macht: »Jüngstes Opfer dieser Politik in Frankreich ist die Mathematik. Wir haben es mit einem sagenhaften Misstrauen gegenüber allen Fächern zu tun, die intellektuelle Sorgfalt und Anstrengung erfordern und die man objektiv beurteilen kann. Die Grammatik ist etwas Objektives. Da kann man nicht schummeln. Ein Satz ist entweder richtig oder falsch. So wird Stein für Stein der alte Exzellenzanspruch abgebaut. Nur bleibt am Ende gar nichts mehr übrig.«

Einmal mehr zeigt sich: Die Sprache und dort die Grammatik bestimmt unsere Fähigkeit, tiefer zu denken. Sicher, auch der Wortschatz hat seine Bedeutung. Aber das Einstimmen des Geistes auf ein Regelwerk vermittelt die Sprache. Und es würde mich nicht wundern, wenn das elende Gendern genau aus diesem Grund von den dürftigen Zeitgenossen so sehr präferiert wird. Wo eine Hochsprache mit dem generischen Maskulin ihre Verbeugung vorm abstrakten Denken macht, sabbern linguistische Dumpfbacken Stammwortlisten mit variablen Endungen über alle Gedanken.

Mathematiker wissen: Ein Beweis hat eine Ästhetik und die folgt vor allem einem Grundsatz: Je kürzer umso ergiebiger, umso fülliger, um so aussagekräftiger. Nur so bilden grammatikalische Struktur und logischer Inhalt eine wirkliche Einheit.

Freitag, 20.Januar 2023

»Eyes Wide Shut« erzählt: Das Leben teilt sich in zwei Abschnitte: In dem es unendlich scheint und in dem es zu Ende geht. Manche riskieren nur in der ersten Hälfte alles, manche in der zweiten. Aber kann man in der ersten von Risiko sprechen? Wissen Götter überhaupt, was ein Risiko ist? Aber eigentlich unterteilt sich alles Erleben in diese Hälften, die eine Kette bilden.

Viele Medien fragen gerade nach der Bedeutung von Lützerath und des Auftritts der »Ikonen« Neubauer und Thunberg. Inszeniert sah es ja aus. Doch warum? Was soll samit gesagt oder gezeigt werden, daß die Grünen Polizei, Demonstranten und Unternehmen in eins sind? Es ist doch sehr viel eher das Ergebnis einer längeren Entwicklung, die Politiker aus diesen Kreisen an die Macht gespült hat. Am Ende dieser Entwicklung treten dann bestimmte Figuren an bestimmten Plätzen auf. Die Grünen haben sich an die Schaltstellen der Macht bugsiert – und das mit 14 Prozent. Es ist die reine mediale Macht, wie man beim plötzlichen Sturz von Frau Baerbock vor eineinhalb Jahren sehen konnte. Schillernd sind nicht die Grünen, sondern die Medien, von denen niemand sagen kann, wen sie morgen mögen. Ihre Währung ist die Aufmerksamkeit. Und die vergeht wie der Reiz des anderen.

Donnerstag, 19.Januar 2023

Das wird den Putin-Verstehern nicht gefallen: Einer ihrer beliebtesten Zeugen, Henry Kissinger, wechselt die Seite. Der ehemalige Außenminister der USA gehört ja schon seit Jahren in diese seltsame Kategorie von politischen Exoten, die eine eigene Meinung haben und die immer mal wieder zum besten geben. Peter Scholl-Latour war auf seine Weise ähnlich. Todenhöfer würde ich auch dazu zählen. Immer wieder kam ein klein wenig Weisheit heraus, etwa wenn Scholl-Latour darauf hinweist, daß »wer halb Kalkutta aufnimmt, nicht etwa Kalkutta hilft, sondern selbst zu Kalkutta wird!«

Kissinger, der sich nicht zu eitel war, den Friedensnobelpreis anzunehmen, weil er den Rückzug der USA aus Vietnam ausgehandelt hatte, hat für die Ukraine einen einfachen Vorschlag, um mit den Russen Verhandlungen aufzunehmen: Die Russen ziehen sich aus allen Gebieten außer der Krim zurück und dafür wird die Annektion der Krim akzeptiert.

Bleibt die Frage: Wie die Verhandlungen eröffnen, ohne mit diesem Vorschlag als im Grunde Forderung hineinzugehen? Denn Verhandlungen bedeutet ja, an einigen Stellen Kompromisse zu machen. Da bleibt nicht viel anderes, als alles zu fordern und dann die Krim zu opfern. Kann Russland damit in Verhandlungen eintreten? Warum nicht. Es wird seinerseits den Donbas fordern und sich mit der Krim zufriedengeben.

Aber will Kiew das? Wenn, was so gut wie sicher ist, demnächst zunächst weitere Schützenpanzer und dann schwere Panzer aus dem Westen anrollen, wird die Position der Ukraine deutlich gestärkt. Und gegen schnelle Panzervorstöße helfen den russischen Militärs auch die umfangreichsten Einberufungen nichts. Die Reservisten wandern anschließend von der Einberufungsstelle direkt in die Gefangenschaft – oder in den Tod.

Wieder einmal wird über die Wahrheit auf dem Schlachtfeld entschieden. Und Bachmut haben die Russen noch immer nicht eingenommen. Stalingrad 1942 lässt grüßen.

Dienstag, 17.Januar 2023

Mitunter trifft einen das Glück, die Betrüger bei der Arbeit zu sehen. Was im wissenschaftlichen, oder sollte ich sagen pseudowissenschaftlichen Leben bedeutet, daß jemand sich genau gibt und tatsächlich die Hälfte weglässt, die ihm nicht passt. Ein gewisser Michael Rothberg hat eine Arbeit über »Multidirektionale Erinnerungen« verfasst, in der die Ermordung der europäischen Juden mit dem europäischen Imperialismus in einen Topf geworfen wird und das mit Rückgriff auf Hannah Arendts Studie über die Elemente totaler Herrschaft, die bis heute wegweisend ist.

Wie jeder woke Politologe ist Rothberg kräftig bemüht, überall Rassismus zu finden, so auch bei Arendt. Und als Arendt in einer Passage die afrikanische Welt beim Eintreffen der Europäer beschreibt, scheint er fündig geworden zu sein: »Was sie (die Schwarzen) von anderen Menschen unterschied, war keineswegs ihre Hautfarbe, sondern die Tatsache, daß sie sich wie ein Teil der Natur verhielten, daß sie die Natur wie ihren unbestrittenen Herren behandelten, daß sie keine menschliche Welt, daß sie keine menschliche Realität geschaffen hatten, und daß daher die Natur in ihrer ganzen Majestät die einzige überwältigende Realität geblieben war, im Vergleich zu der sie als Phantome, unwirklich und geisterhaft erschienen.«

Diese durchaus nachvollziehbare Beschreibung dient bei Arendt einem Zweck: In dieser Rohheit Afrikas sieht Arendt bereits die Realität der Konzentrations- und Vernichtungslager angekündigt. Was natürlich eine bemerkenswerte Verbindungslinie zur Vernichtung in den Lagern im modernsten Jahrhundert und den archaischen Lebensweisen im Afrika der Jahrhundertwende zieht. Und die passt Rothberg nicht.

Also was macht dieser Pseudowissenschaftler? – Er belässt es bei der zitierten Passage, die er sogar mit einer eigenen Übersetzung versieht, echauffiert sich darüber, daß die jüdische Philosophin von den Schwarzen als unwirklichen und geisterhaften Phantomen spricht, und übergeht den folgenden Abschnitt bei Arendt, in dem sie zum Kolonialismus mehr beizutragen hat, als Rothberg in seiner ganzen Arbeit.

Denn Arendt verweist im unmittelbar folgenden Satz darauf, dass die Vernichtung anderer Stämme von jeher Teil der Geschichte Afrikas waren; Fakten, die jedem bekannt sind, der sich mit den Machtkämpfen auf dem Schwarzen Kontinent beschäftigt.

Auch zur Sklaverei hat Arendt eine klare Ansicht: »Slavery in the case of the Boers was a form of adjustment of a European people to a black race, and only superficially resembles those historical instances when it had been a result of conquest or slave trade.« [Origins, 251] Kurz gesagt: Die Sklaverei hatte eigentlich afrikanische Wurzeln! Die Europäer passten sich den Schwarzen lediglich an. Darüber kann man natürlich streiten. Aber in keinem Fall ist es erlaubt, diese Sätze, die dem Zitat, wie gesagt, unmittelbar folgen, zu unterschlagen.

Zumal dem Leser ein auf heute leicht übertragbarer Gedanke vorenthalten wird. Über die Buren schreibt Arendt zwei Absätze später: »The Boers were the first European group to become completely alienated from the pride which Western man felt in living in a world created and fabricated by himself.« [Origins, 252] Auf heute übertragen könnte man mit Hannah Arendt sagen: Dieser Stolz auf die eigene Leistung zeichnet den Europäer vor dem Schwarzafrikaner aus.

Und damit trifft sie einen Kern der heutigen Entwicklung gerade in Deutschland: Ein Blick etwa auf das »Bürgergeld« und die Gratisleistungen für Migranten zeigt diese »Errungenschaften« als das Gegenteil des Stolzes auf die eigene Leistung. Und wenn man liest, wie Arendt die Gesellschaft Südafrikas beschreibt: »lack of initiative, laziness, neglet of tools, general inefficiency«, – »Mangel an Initiative, Faulheit, Vernachlässigung der Werkzeuge, generelle Ineffizienz«, – dann fühlt man sich an Deutschland heute erinnert.

Samstag, 14.Januar 2023

Es ist mir zum ersten Mal vor einigen Monaten begegnet und ich habe mich, ohne den Grund zu kennen, angewidert abgewendet. In einem Buch über die Berliner Ringbahn war ich im Zusammenhang ihrer Ermordung auf die Bezeichnung »Juden und Jüdinnen« für die ermordeten europäischen Juden gestoßen. Nun finde ich diese schreckliche Wendung erneut, diesmal in einem Band über sogenannte »multidirektionale Erinnerungen«, der in seiner Belanglosigkeit eigentlich keine Erwähung verdiente und erst von einer Metaperspektive aus interessant wird, weil er nicht nur ein Paradebeispiel akademischer Eitelkeit liefert, sondern mehr über den Genderismus verrät, als dem Autor recht sein dürfte.

Auf gefühlt jeder Seite fällt dieses »Juden und Jüdinnen« mir ins Auge, von dem ich, zugegeben, nicht weiß, ob er auch im englischen Original eine Entsprechnung hat. Halb einverständig blinzelnd, halb drohend, bringt es den Genderismus in seiner tiefsten Form an die sprachliche Oberfläche, tiefer als es »Schüler und Schülerinnen«, »Lehrer und Lehrerinnen« je könnten, die ja nicht einmal mehr die Anstregung einer humoristischen Ergänzung verdienen und nur dann zum Lachen anregen, wenn eine auf ihren Zeitgeist stolze Hausfrau sie auf einer Elternversammlung zitiert und nach dem dritten Aussprechen mit »SuS« oder »LuL« abkürzen muss, was misslingt, weil sie Luft für »Lehrer und Lehrerinnen« eingesaugt hat, diesen langen Atem gar nicht mehr braucht und nur diese Einzelzeichen wie einen Morsecode eilig hinwirft, wo sie doch gendergerechte Tiefe ausdrücken wollte; eine völlig neue Form des Aus-der-Puste-Geratens entsteht so als Rache der Sprache an Ideologen, die sie missbrauchen.

»Juden und Jüdinnen« ist anders als »Lehrer in Lehrerinnen« oder »Schüler und Schülerinnen«, wie ich erst nach und nach zwischen den Zeilen feststellen konnte, wenn ich mir die Wendung vorbuchstabierte. Bei jeder Begegnung versuchte ich, das Skandalöse dieser Umschreibung emotional und dann in Worte zu fassen, was nicht gleich gelang, weil die genderierte Wendung ihren Kern im »und« auf perfide Weise verdeckte.

Dieses »und« hat ja im Deutschen ohnehin eine seltsame Art, das Gegenteil von dem zu bedeuten, was es sagen will; die elementarste Mengenlehre verrät es. Wer die Elemente aus einer Menge und einer anderen Menge vereint, erhält eine größere Menge; wer aber die Elemente aus einer Menge nimmt, die in dieser und einer anderen sind, wird weniger als vorher erhalten. Ein Wort, zwei gegenläufige Bedeutungen.

Das »und« zwischen »Juden« und »Jüdinnen« führt zu einer dritten Bedeutung: Die beiden Gruppen werden getrennt. Wo das generische Maskulinum ein Band um die Kinder Israels legt, schafft die Separierung in »Juden« und »Jüdinnen« eine Lücke zwischen den beiden Geschlechtern. Schlimmer! Die jüdischen Frauen werden von allen anderen Juden abgesondert und in eine eigene Ecke gestellt. Das bewirkt zwar auch das »und« zwischen »Lehrer und Lehrerinnen« bereits, weil wir mit »Lehrer« alle Lehrer benennen und daher in »Lehrer und Lehrerinnen« nach dem ersten Wort eigentlich schon alles gesagt ist. Was später kommt zählt im Grunde nicht mehr. Nur ist diese Trennung an dieser Stelle perfide. Das »und«, das für gewöhnlich Gemeinsamkeit schafft, reißt in »Juden und Jüdinnen« die Opfer, die ihre letzten schrecklichen Stunden vielleicht gemeinsam verbrachten, auf einer linguistischen Rampe zuletzt auseinander.

Freitag, 13.Januar 2023

Beim Betrachten der Gesichter von Politikern geht mir immer wieder durch den Kopf, wie selbstverständlich vor 200 Jahren nach der Physiognomie gefragt und über sie nachgedacht wurde. Heute riskiert man dagegen mit der öffentlich angebrachten Frage: Was sagen die stieren Augen einer Claudia Roth? oder: Was sagt das Gesicht von Ricarda Lang über ihr Verhältnis zum Klima? eine Beleidigungsklage. Dabei wären das seitlich zuckenden Schmunzeln von Olaf Scholz oder blassen Backen des Wladimir Putin durchaus Überlegungen wert. Im Gesicht von Karl Lauterbach ist, um ein Beispiel zu nehmen und ohne daß ich die beiden in irgendeine Nähe rücken wollte, immer das gehetzt-hetzerische eines Adolf Hitler zu sehen. Viktor Klemperer umschreibt diesen Typus mit einem Propagandawort aus der Sprache des Dritten Reichs: »fanatisch«. Lauterbach ist nicht etwa ängstlich, er ist fanatisch.

Aber ich will zum Anlass kommen, über den Ausdruck von Gesichtern aktueller Politiker nachzudenken. Seit gestern läuft ein Foto durch die Medien, das Luisa Neubauer mit drei Polizisten zeigt. Sie hängt in den sechs kräftigen Armen, die dabei sind, sie wegzutragen wie Eltern ihren trotzigen Nachwuchs. Was an Fräulein Neubauer bemerkenswert ist: Sie hat immer und überall den gleichen Gesichtsausdruck auf. Die absolut faltenlose Haut lässt sie jugendlich erscheinen; aber es ist eine alterslose Jugendlichkeit. Sie wird auch in 50 Jahren noch genauso glatt in die Kamera blicken. Wollte jemand beschreiben, wie sich ein ereignisloses Leben in die Gesichtszüge schreibt, hier böte sich ein Prachtexemplar. Und meine Leser merken: Das Wort Pracht passt nicht einmal in die Nähe dieser Aktivistin. Pracht und Luisa Neubauer ergeben kein Bild.

Aber ereignisloses Leben und Luisa Neubauer ergeben gleichfalls kein Bild! Wie könnte ein Leben frei von Ereignissen sein, wenn man tagtäglich von Talks-Show zu Talks-Show, von Aktion zu Aktion herumgereicht wird? – Ein gute Frage. Die junge Frau mag ja ein Star sein und am Ziel aller pubertierenden Medienmägdchen angekommen sein. Trotzdem verrät ihr Gesicht jenseits aller Logik eine tiefe Unberührtheit von der Berühmtheit. Sie scheint es teilnahmslos gelassen zu nehmen, dieses Dasein als TV-Influencer. Ich wüßte Gemälde, auf denen Maria ähnlich ausdruckslos und gleichgültig zum Jesuskind schaut. Als wollte sie sagen: Schön, das ist jetzt also mein Kind. Und was nun?

Wurde Luisa Neubauer deshalb für die Figur der Retterin des Klimas gewählt? Denn mir soll keiner kommen, diese Figur sei nicht kreiert.

Ja, sie wirkt unschuldig. Sie wirkt so unschuldig, daß nicht einmal Charles Manson ihr hätte nachstellen wollen. Und als Sexy Sadie wäre sie ganz sicher nicht durchgegangen; auch wenn ich zugestehe, daß gerade in dieser einen Hinsicht ein Gesicht zuvor nichts verrät – und hinterher alles.

Aber über Politiker verrät ein Gesicht eine Menge. Und dieses nimmt sich fürchterlich ernst. Kaum vorstellbar, daß dieses Gesicht zwei Seiten kennte; eine freundliche zum betrogenen Wähler und eine zynische zum Betrüger. Einen Januskopf verträgt der aalglatte Hals dieses Fräuleins nicht. Man könnte das natürlich als ehrlich bezeichnen; wüßten wir nicht, daß Ehrlichkeit ohne die Möglichkeit des Betruges nichts Wert ist.

Ich nehme also an, daß es ist, wie bei den meisten Politikern aller Parteien: Sie haben einen ausgeprägten Instinkt für die Mittel der Macht, sind aber alles in allem fürchterlich dumm. Kaum einer hat die geistige Tiefe, das Spiel zu durchschauen. Warum auch, wenn er doch auch so gewinnen kann. Politiker sind zumindest heute eindimensionale Gestalten. So wie Luisa Neubauer. Nur eine dermaßen bemitleidenswert einfältige Figur wie sie schafft es, sich mit Hans Jonas Buch über das Prinzip Verantwortung ablichten zu lassen, während im Hintergrund Polizei aufmarschiert. Intellektuelle Eitelkeit in Reinform ist das. Denn das Gesicht von Luisa Neubauer mag auf die Banalität eines pickellosen Lebens hindeuten – sie will sich nachdenkend geben oder für das, was mancher so für nachdenklich hält. In Extremsituationen, versteht sich. Sie verliert nicht den Kopf. Indes auch das verrät ihr Gesicht: Luisa Neubauer denkt nicht nach. Denn faltenlos hat noch keiner gedacht.

Donnerstag, 12.Januar 2023

Wieso wird das Standardwerk von Anne Applebaum über den Völkermord Russlands an den Ukrainern in den Jahren 1932/33 mit »Roter Hunger« übersetzt? Der englische Titel lautet »Red Famine«, was fraglos »Rote Hungersnot« heißt. Und Roter Hunger und Rote Hungersnot sind nun wirklich etwas anderes. Ja, es meint geradezu das Gegenteil. Oder bezieht sich Roter Hunger auf die hungernden ukrainischen Bauern? Gibt es farblich unterschiedene Arten des Hungern? Ginge es nicht um dieses Geschehen könnte man sarkastisch werden.

Aber vielleicht ist es auch einfach der nächste Versuch, von diesem Völkermord, vom Holodomor, abzulenken, der weder den rechten Russland-Verstehern noch den linken Sozialismus-Verstehern ins Konzept passt. Die treiben ja gerade ein munteres Bäumchen-Wechsel-Dich Spiel. Hier soll der Sozialismus nichts mit der Sowjetunion zu schaffen haben, dort die Sowjetunion nichts mit Russland. Während also die russlandfreundliche Rechte die Kontamination ihres Russlands mit dem Sozialismus fürchtet, fürchtet die Linke die Kontamination ihres Sozialismus mit der Sowjetunion. Das würde erklären, warum die politische Linke in Deutschland gegen Moskau eingeschwenkt ist. So kann sie sich endgültig dieser Vergangenheit entledigen.

Fräulein Judith Butlers Gender-Trubeleien lesen sich wie das aufgeschlagene Unbewußte der Intellektuellen unserer Zeit. Der Genderismus als weiteres Produkt einer Zeit ohne Transzendenz und ihrer Versuche, endlich in der reinen Sprachwelt einen Ersatz zu finden. Ihr Versuch, dabei die Körperlichkeit in Sprachlichkeit aufzulösen und wieder zur Körperlichkeit zurückzukehren, verdienen einen Preis für den folgendreichsten intellektuellen Selbstbetrug der vergangenen 30 Jahre. Aber so ist das halt, wenn alte Jungfern ihre Kaffeekränzchengeschwätz für philosophisch-psychologischen Tiefsinn halten.

Mittwoch, 11.Januar 2023

Wieder einmal wurde das »Unwort des Jahres« bestimmt. Diese Wahl fiel wie zu erwarten wieder einmal auf einen Begriff, der im rechten politischen Raum aufgetaucht ist, um die Aktivisten der »Letzten Generation« zu bennenen, die sich zum Leidwesen vieler Bürger auf Straßen und Flugfeldern festkleben. Wer solche Kinder und Jugendliche und solche, die sich dafür halten, als Terroristen bezeichnet, nimmt also ein »Unwort« in den Mund.

Was diese Wortabstempler vergessen: Jedes Unwort steigert durch die Titulierung als solches noch seinen Wert. Aber vielleicht wissen die Herrschaften das ja auch und richten ihr Wahlergebnis ohnehin nur an das eigene politische Klientel, das diese Proteste für berechtigt hält und in aller Regel goutiert.

Trotzdem: Als Unwort ist »Klimaterrorist« nun linguistisch geadelt. Was zumindest den Aufwand spart, ständig ein neues Schimpfwort für die schrecklichen Bälger erfinden zu müssen. Also diese Spiralbewegung in Gang zu halten, wie sie zum Beispiel »Neger« durchlaufen hat und noch durchläuft. Erst das stillschweigende Verbot hat es zu dem gemacht, was es vorher nicht war: Zu einer abwertenden Bezeichnung. Und nach dem »Neger« kamen die »Gefärbten« als Übersetzung von »colored« und dann die »Farbigen«.

Schlimmer: Mit jeder Drehung der Spirale wurde der Spott noch etwas größer, nicht zuletzt, weil Verbote bekanntlich die Verwendung reizvoller machen. Es ist wie mit den »Jahresendflügelwesen«, die ungleich engelartiger waren als die Engel des Westens. Vielleicht sollten sich die Unwortstempler bei den Älteren in der Ex-SED erkundigen, wie es solchen politisch-künstlichen Wörtern ergeht. In unserem heutigen Fall wird landauf, landab nun diskutiert, ob es sich bei den Aktivisten um Terroristen handelt oder nicht.

Die Sprache lässt sich eben nicht dirigieren.

Sonntag, 8.Januar 2023

Der womöglich größte Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Lehrer ist, daß der schlechte nur weiß, was der Schüler falsch und was er richtig gemacht hat, während gute Lehrer wissen, warum etwas falsch oder richtig gemacht worden ist. Das zu erkunden, erfordert einerseits wie selbstverständlich verfügbares Fachwissen – es muss dem Lehrer zur zweiten Natur geworden sein – und zum anderen eine permanente Reflexion auf einer pädagogischen Metaebene, die das zur Natur gewordene Wissen neuerlich durchdenkt.

Die leidlich ausgebildeten Quereinsteiger sind daher prinzipiell überfordert und schaffen mehr Unglück als sie beglückendes Lernen ermöglichen. Sie sind das Symbol für eine abgerissene Tradition. Denn der Lehrerberuf wird von Lehrer zu Lehreranwärter weitergegeben mit einer Achtung für das Vorhandene; weshalb gute Lehrer praktisch, nicht politisch, immer rechts stehen. Für den lernenden Lehrer sind die Älteren, also die mit der Erfahrung, Vorbilder, an denen sie sich als Schüler die richtigen Wege zum Schüler abschauen. Der Quereinsteiger bricht von der Seite hinein in den Fluss der Traditionen.

Eigentlich sollten Lehrer von den Lehrern ausgebildet werden, die sie als Schüler geschätzt haben. Das schafft dann auch den richtigen Altersabstand.

Samstag, 7.Januar 2023

Holodomor - Der verdrängte russische Völkermord an den Ukrainern

Ab dem Frühjahr 1933 werden bis zu 6 Millionen Ukrainer Opfer der schlimmsten Hungersnot des Landes, einer im Kreml geplanten und von dort aus organisierten Hungersnot. (Teil3)

Donnerstag, 5.Januar 2023

Heute eröffnete Putin dem erstaunten Publikum im Beisein des türkischen Präsidenten Erdogans sein Angebot an die Ukraine: Sie habe die Realitäten anzuerkennen und soll Verhandlungen beginnen. Mit anderen Worten: Putin verlangt die Übergabe von Krim, Donbas und Saparoschje als Dank dafür, daß er nach bald einem Jahr Krieg keines seiner Ziele erreicht hat.

Putin sollte die Realitäten anerkennen: Allein in den vergangenen drei Tagen erlitten seine Invasionstruppen böse Verluste, die Moskau nun häppchenweise eingesteht.

Aber was Großspurigkeit betrifft, hat Putin in Erdogan einen ebenbürdigen Gegenüber. So gesehen passt es, daß Putin bei diesem Treffen mit seinem verlogenen Friedensangebot rausrückte. Seine Truppen brauchen dringend eine Pause, sonst überlegen sich die russischen Rekruten noch, ob sie nicht am besten gleich zur ukrainischen Frontlinie desertieren. Denn nachdem Frankreich beginnt, nun doch zumindest leichte Panzer zu liefern, dürfte es nicht mehr lange dauern, bis schweres Gerät an der Grenze zur Ukraine eintrifft.

Beinahe bemitleidenswert fatale Züge trägt mittlerweile das Auftreten der ohnehin schwachen politischen Rechten in Deutschland. Sie hat sich ganz auf die Seite Putins gesetzt und droht, ein weiteres Jahrzehnt in der Versenkung zu verschwinden. Denn die Kritik an der Migrationspolitik kommt immer lauter aus konservativen Kreisen, die mit der AfD nichts, aber auch gar nichts zu tun haben wollen – nicht zuletzt wegen der peinlichen Nähe zu Putin - die ja auch nicht wohliger wird, nur weil der ausgewiesene Islamist Erdogan gleich mit am Tisch sitzt. Aber ok, der ist bekanntlich lang.

Ukraine-Krieg: Russische Soldaten waren für den Kreml schon immer Kanonenfutter

Nach dem ukrainischen Schlag gegen eine Militärschule im Donbas sind die Beobachter über die Nachlässigkeit der russischen Streitkräfte irritiert. Ein Blick in Geschichte verrät indes, das ist nichts Neues.

Mittwoch, 4.Januar 2023

Was genau ist nun eigentlich der Skandal am Versuch, das Sexuelle verschwinden zu lassen, mit dem der Genderismus so sehr beschäftigt ist? Was unterscheidet einen Genderisten vom Katholiken, der bekanntlich auch so sein Kreuz mit der menschlichen Sexualität herumschleppt?

Über die Theorien Freuds, die ja bekanntlich in ihren Anfängen ebenfalls skandalös waren, heißt es, nicht etwas das Reden und Offenlegen der Begierden des Menschen sei schwer zu fassen gewesen, sondern die Intellektualisierung der Lust. Also die Transformation des Körperlichen ins Denken. Lust wurde über den Umweg des Unbewußten plötzlich ein Teil der Hirns statt des Schoßes, sie stand also praktisch mitten im Land, während die Truppen zur Abwehr die Grenzen beschützten.

Auf diese Weise kam die Lust dem Geist sehr viel näher, weste nicht mehr abgespalten im Keller des Körpers vor sich hin.

Schwer zu sagen, ob Intellektualisierung dann noch das richtige Wort ist. Es wurde ja ganz zuerst »darüber« gesprochen. So wie jetzt. Politiker stellen sich im Bundestag hin und bezeichnen sich als bisexuell, oder sie bekennen sich zu ihrer Homosexualität. Mal sehen, wann der erste zugibt, es mit seinem Dobermann zu treiben, oder die erste. Man sage nicht, es gäbe keine Tabus mehr.

Es wird »darüber« geredet. Nur, was kann das Ziel sein? Die Transformation von allem Körperlichen in Sprache? Weil wir Modernen an die Magie der Worte glauben, so wie einst unsere Vorvorväter? Das passt zur Symbolik: Der Genderstern und der Unterstrich in ihrer Nähe zu den Symbolen von Programmiersprachen wären dann nur ein Ausdruck für das Übergreifen der virtuellen Welt, die ja eigentlich in Computerspielen verortet wird, aber doch nicht in einem Sprechen wie mit dem Computer.

Montag, 2.Januar 2023

Seltsam, daß die Kritik an der Gendersprechweise meist oberflächlich spöttisch bleibt. Auch wenn die Spielereien mit den zwanghaften Doppelungen ja mitunter ihren Reiz haben können und ich mich gut an die Kabinen-Innen und die Häme auf der Fähre von Liepaia nach Travemünde erinnere. Aber eigentlich ergeht es den Spöttern wie allen Kritikern, die sich zu lang mit ihrem Objekt der Ablehnung beschäftigen: Sie werden so langweilig wie das Kritisierte nervig.

Trotzdem gibt es Ausnahmen. Gestern rückte endlich jemand mit den Gedanken Saussures den Konstrukten rund um den Genderstern auf die Pelle und machte aus der zungenbrecherischen Arbitrarität des Zeichens eine geschliffenes Schwert im linguistischen Gefecht mit den Sprachpolizisten des Genderismus.

Das generische Maskulin verweist überhaupt nicht auf etwas männliches, ist weit davon entfernt bildhaft zu sein. Als würden beim Aussprechen oder Schreiben von ›Arzt‹ sämtliche männlichen Ärzte aufmarschieren. Nichts dergleichen passiert. Die Symbole haben mit dem Referierten nichts aber auch gar nichts zu schaffen. Und es braucht schon eine ungesunde Portion Naivität, aus den Symbolen lauter Männern zu machen, die ganz nebenbei auch noch Ärzte sind.

Israelis sind in Berlin fortan ›Westasiaten‹

Im Vorfeld der Silvesterkrawalle hat der Rot-Grüne Berliner Senat der Polizei neue Sprachregelungen auferlegt. Eine davon ist einerseits von unfreiwilliger Komik. Aber leider nicht nur.

Sonntag, 1.Januar 2023

Jetzt wird dem eben verstorbenen Papst wieder vorgeworfen, er hätte die Kirche nicht modernisiert. Wie aber kann man den Glauben modernisieren? – Richtig. Gar nicht. Man kann ihn höchstens näher zu Gott bringen, also erkennen, wie Gott in der Welt erscheint. Als Moralist im Hintergrund, als moralloser Begleiter, als Sein des Seins. Aber solange die Elemente des Glaubens zur Gotteserfahrung reichen, darf kein Gläubiger sie verändern.

Mit der Flucht der Modernisierten aus den Kirchen hat die Kirche zu leben. Oder glaubt jemand, die Modernisierten und Aufgeklärten kehrten zurück, nur weil jemand Frauen predigen oder Priester heiraten lässt? Glaubt jemand, die Modernisierten wären überhaupt auch nur gegangen, weil die Kirche sich treu bleibt? Oder womöglich: Weil sie sich treu bleibt? Das war ja das Besondere an Joseph Ratzinger, daß er blieb wer er war. Daß er seine Stellung bezog und nicht preisgab. Deshalb standen die Modernisierten vor ihm und wußten nicht weiter.

Im gewissen Sinne gleicht der Versuch, die Kirche zu modernisieren, dem Versuch, eine Rechtschreibreform durchzuführen.

Und deshalb schreibe ich dass wieder mit ß. Und Bewußtsein sieht auch besser aus als Bewusstsein. Traditionen binden, bewußt bindet, bewusst nicht. Der Geist gleitet über die Fläche aus ›ewuss‹, wo das bewußt werden doch ein Halten bedeutet.

Schließlich verschwindet das ›daß‹ gerade ganz, weil es vom Artikel nicht mehr recht zu unterscheiden ist. Warum also noch die Unterscheidung, zumal man den Unterschied hört. Hier lebt ein Wort und es würde mich keineswegs wundern, wenn es in diesem Verschwinden ein eigenes Leben zu führen beginnt. Nicht wie die Genderkonstruktionen, die, würden sie nicht ständig ideologisch gegossen, in wenigen Wochen vertrocknet und abgestorben herunterhingen. So bleiben sie die Tante, die keiner wollte und die sich trotzdem umarmend und küssend den Kindern annähert.

2022 Top
* Der Titel "Die Verheerung Europas" bezieht sich auf die Aufzeichnungen von Wilhelm Muehlon aus den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs. Muehlon gehört zu den großen deutschen Intellektuellen, die heute praktisch vergessen sind. Sein Kriegstagebuch über den Zweiten Weltkrieg zählt zum besten und spannendsten, was über diese zweite europäische Katastrophe geschrieben wurde: Distanziert, zugleich beteiligt und immer mit einem Blick, den man sich für die heutige Zeit wünscht.
© Wolfgang Hebold
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